Kultur : Vorschau: Babel & Co

Ohne Geschichten keine Geschichte. Das ist eine Binsenweisheit. Wie das im Einzelnen aussieht, versteht sich aber nicht von selbst. Das ist auch eine Binsenweisheit. Wie die Geschichten der Geschichte sich bei Katja Lange-Müller und Thomas Lehr zu den Geschichten in ihren Texten verhalten, können Sie am Donnerstag um 20 Uhr im Literarischen Colloquium erfahren.

Das Monster, das in der letzten Kolumne erschaffen wurde, stammt aus Mary Shelleys Roman "Frankenstein". Im Roman heißt so, anders als in den meisten Verfilmungen, nicht das Ungeheuer, sondern der Doktor, der es schuf. Und dieser Dr. Frankenstein ist das eigentliche Monster, ein in den Schöpferwahn verrannter medizinischer Prometheus. Mary Shelleys Geniestreich ist nicht bloß eine "Gothic Novel", ein Schauerroman, sondern ein moderner Wissenschaftsthriller. Was damals das mechanische Montieren eines künstlichen Wesens war, ist heute das genetische Duplizieren, das "Klonen". Frankenstein setzt sein Geschöpf aus den Körperteilen Verstorbener zusammen und belebt sie mit Blut. Der Roman erschien erstmals 1818. Am 22. Dezember des gleichen Jahres nahm der Londoner Arzt James Blundell die erste dokumentierte Bluttransfusion vor. Das Befinden des Patienten, der innerlich zu verbluten drohte, besserte sich. Zwei Tage später war er tot. Die Blutgruppen waren noch nicht entdeckt. Diese Geschichte aus der Medizingeschichte macht deutlich, mit welchem Gespür Mary Shelley die Transfusion des "Zeitgeistes" in die Gefäße ihres Romans bewerkstelligte. Damit ist die Reihe der literarischen Personen, mit denen ich Sie während der Sommerpause bekannt machen wollte, abgeschlossen.

Am Sonntag um 11 Uhr 30 wird im Literaturhaus eine Ausstellung über Hermann Broch eröffnet, der vor fünfzig Jahren gestorben ist. Broch gehört inzwischen wahrscheinlich zu den eher ungelesenen literarischen Meistern dieses Jahrhunderts. Von seiner Trilogie sind leider auch interessierteren Lesern häufig nur die Titelschlagworte bekannt: "Pasenow oder die Romantik", "Esch oder die Anarchie", "Huguenau oder die Sachlichkeit". Wenn Sie Broch nicht kennen, aber daran etwas ändern wollen, empfehle ich Ihnen, mit dem "Pasenow" zu beginnen. Denn er ist der zugänglichste von Brochs Roman-Drillingen. Hier der Anfang: "Im Jahre 1888 war Herr v. Pasenow siebzig Jahre alt, und es gab Menschen, die ein merkwürdiges und unerklärliches Gefühl der Abneigung verspürten, wenn sie ihn über die Straßen Berlins daherkommen sahen, ja, die in ihrer Abneigung sogar behaupteten, dass dies ein böser alter Mann sein müsse."

Nach der Ausstellung der Ausflug: Wenn Sie am Sonntag nach Schloss Wiepersdorf fahren, können Sie um 15 Uhr Ralf Rothmann aus seinen Erzählungen lesen hören. Seine Gesprächspartnerin ist Iris Hanika. Hier eine Stelle aus seinem Roman "Flieh, mein Freund!": "Ich glaube, diese Generation" - gemeint sind die "Hippies" - "ist einfach nicht dazu gemacht, Nachwuchs zu haben. Kinder sind nämlich verdammt konservativ, die wollen klare Verhältnisse, eindeutige Zustände, einen richtig intakten Familienstaat, den sie immer mal wieder aufmischen können. Und keinen, der schon ein Trümmerfeld ist. Von Mary, meiner Mutter, höre ich selten etwas. Manchmal schreibt sie mir eine Postkarte aus irgendeinem Winkel der Erde; manchmal ruft sie mich an. Dann braucht sie Geld. Getroffen habe ich sie zuletzt in diesem Matratzengeschäft am Alex, wo sie mir, ihrem Sohn, allen Ernstes so ein Ökokissen für hundert Mark aufschwatzen wollte."

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