Kultur : Vorschau: Babel & Co

Es gibt viele reizende Geschichten über nicht erkannte Bestseller: Der von Ullstein abgelehnte erste "Felidae"-Roman von Akif Pirinci; die endlose Manuskriptwanderung von Robert Schneiders "Schlafes Bruder"; Ecos "Name der Rose", von Wagenbach abgelehnt - diese Legende freilich stimmt nicht, man konnte dort seinerzeit für die Übersetzungsrechte nur nicht so viel berappen wie Hanser. Und dann erst die großen Missverständnisse: André Gide hat als Lektor die "Recherche" von Proust abgelehnt - obwohl ich mir nicht so sicher bin, dass das wirklich ein Missverständnis war.

Bin ich jetzt ein Banause? Und Sie, sagen Sie bloß, Sie haben das Ungeheuer ganz gelesen? Ich schätze, die meisten lassen es vorsichtshalber doch bei Alain de Bottons Anleitung "Wie Proust Ihr Leben verändern kann". Aber ich wollte ja eigentlich nicht herumprousten, sondern abgelehnte Bestseller aufzählen: "Harry Potter" wurde vor fünf Jahren von Penguin Books abgelehnt. Was haben die hinterher dann wohl mit dem verantwortlichen Lektorat gemacht?

Jetzt hat auch Friedrich Christian Delius einen Bestseller geschrieben. Jedenfalls ist ihm das zu wünschen. Sein neuer Roman handelt von einem Autor, der sich vornimmt, einen Bestseller zu schreiben. Und es wäre doch schön, wenn das Leben mal einen Knicks vor der Literatur machen und für ein bisschen Mimesis von der anderen Seite sorgen würde: Das Leben ahmt die Kunst nach. Der Delius-Roman heißt "Der Königsmacher". Am Freitag um 20 Uhr liest der Autor im Literarischen Colloquium. Die Veranstaltung ist als "Saisonauftakt" zum literarischen Herbst gedacht. Neben Delius sind zu hören: Jenny Erpenbeck, Angelika Klüssendorf, Ursula Krechel, Christoph Peters, Richard Wagner.

"Märkische Forschungen" heißt eine Erzählung von Günter de Bruyn. Sie ist die Titelgeberin einer Veranstaltungsreihe im Literaturforum. Heute um 20 Uhr wird die 1982 in die DDR-Kinos gekommene Verfilmung der Erzählung gezeigt. Regisseur Roland Gräf und der Autor sind anwesend. Morgen um 20 Uhr wird Otto Sander aus Fontanes "Wanderungen" lesen. Die sind bestimmt auch ganz schön. Allerdings muss ich an mein schlimmes Bekenntnis, für Proust wenig Zeit gefunden und mit ihm wenig Zeit verloren zu haben, zerknirscht die Selbstanklage hängen: Die schrecklich strapazierte Fontanesche "Mark Brandenburg" ist für mich unerschlossenes Gebiet. Und ich kann mir nicht helfen: Das wird sie wohl auch bleiben. Die Lesezeit ist lang, die Lebenszeit kurz. Kein Mensch kann alles kennen, auch der größte Großkritiker ist ohne die Diktatur der Auswahl geliefert.

Fragen Sie mal die Profis des Literaturbetriebs, wer beispielsweise "Moby Dick" wirklich gelesen hat, nicht bloß die Jugendbuchausgabe. Sie werden sich wundern, das heißt, Sie werden sich nicht wundern, weil Sie natürlich keine ehrlichen Antworten bekommen. Kritiker sind grundsätzlich nicht ehrlich. Das können wir uns nicht leisten. Was aber die Kanonen der Weltliteratur angeht, mit denen auf uns Leserspatzen geschossen werden soll, denen ist das Pulver längst feucht geworden. Es wäre an der Zeit, einen Negativ-Kanon aufzustellen, einen Anti-Schwanitz sozusagen: Warum man welche Bücher nicht zu lesen braucht. Statt mit Halbbildung zu bluffen, könnte man ganz gebildet über Bildungslücken sprechen. Schwanitz meint: "Zur Bildung gehört nicht nur das Wissen, sondern auch die Fähigkeit, Bildung als soziales Spiel zu beherrschen." Aber womöglich wird das Schwanitzsche Bildungsspiel gar nicht mehr gespielt.

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