Kultur : Vorschau: Schreibwaren

"I only know we loved in vain; I only feel - farewell! farewell!", klage ich mit Lord Byron dem geschätzten Vorgänger hinterher. Bruno Preisendörfer hat die Conferences im Lesungszirkuszelt "Babel & Co" abgegeben und sein Firmenschild gleich mitgenommen. Wenn Preisendörfer alsbald selbst mit einem Buch in die Manege treten und einen Kratzfuss neben dem Wasserglas tun wird, dann sind ihm die Honneurs in den "Schreibwaren" sicher. Wollen doch mal sehen, was er in all in den Jahren, in denen er das literarische Geschehen in Berlin ankündigend kommentierte, noch so gebabelt hat.

Hinter uns liegen füllende und zuweilen erfüllte Zeiten, in denen es an Worten nicht mangelte. Die immer wieder tot gesagten Vorbeben der Kunst liefen nämlich samt Glockenläuten und Singsang und Zimbelklang zur jahresendüblichen Bestform auf. Wie inbrünstig wurde vorgelesen, wie ehrfürchtig gepredigt, wie demütig psalmodiert! Wie feine Unterschiede regieren auch in dieser Welt: "Dies ist mein Leib", hieß es in der einen Filiale Gottes, "dies sei mein Leib" in der anderen gleich nebenan. Danach gab es hier wie dort eine Oblate. Natürlich ohne Lebkuchen. Das verstehe, wer glaubt. Aber genießen - genießen konnte die Liebe des Herrn jeder.

Nun verklingen die Stimmen, auch die eigene, es heben sich die Weihrauchschwaden und siehe da: Alles beginnt von neuem. Langsam allerdings, noch ist der Stern aus dem Osten nicht ganz verblasst. So ehren Herta Müller, Oskar Pastior und Mircea Catarescu morgen den großen Dichter Gellu Naum im Literaturhaus (20 Uhr). Der Rumäne verstarb am 28. September mit 78 Jahren. 75 von ihnen dichtete er, recht bald im Kreis der Pariser Surrealisten, dann für die Schublade, schließlich für die nachfolgende Dichtergeneration: "Da könnte man in unschuldigen Varianten auch von Erscheinungen reden die noch keinen Sinn ergeben / das aber nur im Hinblick einer Ausflucht über die man schweigt."

Zwei Tage später liest Reiner Kunze, der das Licht der Öffentlichkeit nicht allzu häufig sucht, eigene und von ihm aus dem Tschechischen übersetzte Gedichte im Literarischen Colloquium (Freitag, 20 Uhr). Zuvor wird Hans Dieter Zimmermann die "Tschechische Bibliothek" vorstellen. 12 von 33 Bänden mit Prosa, Lyrik und Philosophie sind bereits erschienen, zuletzt ein mitreißender Novellenband von Ivan Olbracht. Das Großprojekt der Robert Bosch-Stiftung und der Deutschen Verlags-Anstalt ähnelt der "Polnischen Bibliothek". Doch Karl Dedecius hatte es leichter: In Polen gibt es keinen Franz Kafka, gegen dessen übermächtigen Schatten es selbst ein Bohumil Hrabal schwer hat.

Genug des Ostens? Dann reisen Sie morgen zum Brecht-Haus, wo Richard Pietrass mit einem bekannten Saarländer spricht (Literaturforum, 20 Uhr). Nein, er heißt nicht Erich. Aber den Ankündigungstext möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: "Als Kobold ein König ist der 1927 geborene Ludwig Harig ein Dichter für alle Verwegenheiten. Jugendlich bändigt er die angehenden Themenstiere, indem er sie an den Hörnern ins Joch strenger Formen zwingt. Dabei bleibt er heiter und pfeift sich das Lied weltläufig gelebter saarländischer Freude."

Das ist der Todesstoß für meine Abschiedsstimmung. Farewell, farewell. Der Zirkus beginnt von Neuem, die Autoren kehren zurück und singen die eigenen Lieder. Die Liebe höret eben nimmer auf. Nur, was oder wem sie gilt.

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