Kultur : Vorschau: Schreibwaren

Schwitzen ist eine unkontrollierbare und daher vielsagende Reaktion des Körpers. Interessierte Leser kann es nicht kaltlassen, bei welchen Stellen seines Buches ein Autor sie zeigt - zumal, wenn es sich um Michel Houellebecq handelt. Da das Literarische Colloquium am 6.3. (20 Uhr) überfüllt sein dürfte, dünsten die Zuhörer gleich mit ihm mit: Ausweitung der Schwitzzone.

Houellebecqs neuer Thesenroman "Plattform" erzählt von einer wunderbaren Liebe zwischen einem durchschnittlichen Angestellten und einer schönen Frau. Die beiden möchten dem Rest der Welt, die einem pornografischen Zerrbild der Liebe gleicht, gern zum Glück verhelfen. Ihr Ferienclub in Thailand, wo die Habenichtse der Dritten Welt zu Geld und die sexuell frustrierten Wohlhabenden zur Lust kommen sollten, wird jedoch von Islamisten in die Luft gesprengt. Dieses von ihm erfundene Romanende hat Houellebecq offenbar so erregt, dass er sich in Interviews verächtlich über den Islam äußerte. Nun hat er in Frankreich ein Verfahren am Hals.

Es gehe in letzter Instanz eben immer um den Körper, heißt es. Die Wahrheit liegt also nach guter alter Tradition drunten. Nur an der Oberfläche scheint denn auch in "Autopilot", dem Debütroman von Norbert Kron, alles perfekt zu laufen: Sein Held Michael Lindberg produziert erfolgreich Fernsehshows, die Freundin ist schön, die Leidenschaft stark. Nur Kinderchen wollen sich nicht einstellen, denn Lindberg ist unfruchtbar. Der perfekte Inszenierer von Bilderwelten muss seine Ohnmacht erfahren (Literarischer Salon Britta Gansebohm im Podewil, 5.3., 20 Uhr).

Nicht sehr anders ergeht es Louis in Volker Kaminskis "Spurwechsel". Er erhofft sich vom Nachwende-Berlin ein wenig Rückenwind für das eigene Leben und schafft es bis zur Beziehung mit der Frau seines besten Freundes (Salonbuchhandlung im Restaurant Theodor Tucher 7.3., 20.30 Uhr).

"Körber" und Bilder sind in Ulrike Draesners Roman "Mitgift" keine Gegensätze. Ihre Liebesgeschichte lässt kaum ein Körperbild aus: pornografische Postkarten, eine schöne, hermaphroditische Schwester, Magersucht und Schwangerschaft. Was anfängt wie ein College-Roman, führt bald ins Bordell und hat Draesner schon einen Auftritt im Hamburger Museum erotischer Kunst verschafft ( Buchhändlerkeller 7.3., 21 Uhr; gemeinsam mit Tanja Langer am 9.3. um 21 Uhr im Roten Salon, Volksbühne).

Auch Alain de Botton geht in seiner "Kunst des Reisens" der Last mit dem Körper nach. Im Liegestuhl am karibischen Traumstrand ist er nicht etwa wunschlos glücklich, sondern verspürt ein Kratzen im Hals, einen Druck auf beide Schläfen und zunehmenden Harndrang. "Wir sind", plädiert der Reisende für die Imagination, "offenbar am ehesten irgendwo ganz da, wenn es uns erspart bleibt, außerdem leibhaftig an diesem Ort anwesend zu sein." ( Kiepert 7.3., 20.30 Uhr)

Die Schauspielerin Silvia Grohs-Martin floh vor den Nationalsozialisten aus Wien und wurde als Widerständlerin in Belgien verhaftet. Ihr Lebensbericht heißt "Ich sah die Toten, groß und klein" ( Centrum Judaicum, 11.3., 19 Uhr, Anm.: Tel. 311 07 - 407).

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