Kultur : Vorschau: Sotto voce: Jörg Königsdorf über Sondertarife und ihre Tücken

Die Preis-Flexibilisierung an Berlins Opernhäusern ist längst überfällig: Wo jetzt selbst die Deutsche Bahn ihrer immerhin noch einigermaßen verlässlichen soundsoviel-Pfennig-pro-Kilometer-Berechnungsgrundlage entledigt und statt dessen eine Art Ticketbörse installiert, scheint es nur logisch, wenn die Kulturinstitutionen nachziehen. Grundregel Nummer eins ist dabei natürlich das eherne Gesetz, dass eine sinkende Nachfrage durch sinkende Preise wieder in die Höhe getrieben werden soll, Grundregel Nummer zwei, dass die Nachfrager in unterschiedliche Gruppen aufgespalten werden. Im Fall der Sommeraktion der Komischen Oper bedeutet das konkret, dass nur diejenigen, die bereit sind, mit ihrem Kartenkauf bis zum Tag der Vorstellung zu warten, in den Genuss des Two-for-One-Angebots kommen. Wer sicher gehen will, sich nicht vergeblich zu bemühen und im Voraus bucht, muss Normalpreise zahlen. Ein faires Angebot, auch wenn auf den ersten Blick nicht ganz ersichtlich ist, warum der Markt bei Opernkarten genau andersherum funktionieren soll als bei Bahn- oder Flugtickets. Denn da bekommt man den Rabatt gerade, wenn man spätestens eine oder zwei Wochen vorher bestellt. Müssten nicht jene belohnt werden, die bereit sind, sich in jedem Fall in die Oper zu setzen - statt zu pokern und abzuwarten, ob sie nicht doch lieber in Berlins Biergärten gehen?

Doch das nur am Rande. Wichtiger für die Komische Oper ist, dass sie die Bude voll hat. Die Erfahrungen aus dem letzten Jahr, wo die Sonderaktion erstmals lief, sind jedenfalls positiv, und aus der weisen Entscheidung, das Angebot für alle Bevölkerungsgruppen gelten zu lassen, kann sich das Haus wohl einer zusätzlichen Nachfrage erhoffen.

Auch wenn damit das Potenzial an Preisflexibilisierung noch lange nicht ausgeschöpft ist: Bei Andreas Homokis Inszenierung der "Lustigen Witwe" am Samstag würde vermutlich schon ein geringer Nachlass ausreichen, um die Reihen zu füllen. Für die Mittwochsvorstellung von Aribert Reimanns neuer Oper "Bernarda Albas Haus" müsste die Komische Oper mit den Preisen dagegen noch weiter heruntergehen, um einen ausreichenden Publikumsanreiz zu geben. Der Premierenrezensent des Tagesspiegel verspürte angesichts der depressiven Musik jedenfalls anderthalb Stunden lang chronische Fluchtreflexe. Was aber niemanden abhalten sollte, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Ausgefuchste schaffen sich ohnehin noch einen gesonderten Preisvorteil, indem sie einfach die billigsten Karten kaufen und darauf hoffen, dass Plätze in den höheren Kategorien frei bleiben.

Die Konkurrenz ist allerdings hart, schließlich ist ein Opernbesuch selbst vergünstigt noch deutlich teurer als Kino - ganz abgesehen davon, dass dort das Billigtag-Dumping längst der Regelfall ist. Die "Titus"-Vorstellung am Donnerstag und die "Entführung aus dem Serail" einen Tag darauf sind zudem die letzten Möglichkeiten, den scheidenden Chefdirigenten der Komischen Oper, Yakov Kreizberg, noch einmal zu hören. Und dafür würden etliche sogar den vollen Preis bezahlen.

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