Kultur : Vorschau: Sotto voce: Jörg Königsdorf über Streber und Sitzenbleiber

Ihrem Ruf als Musterschülerin der Berliner Theaterszene macht die Neuköllner Oper alle Ehre: Während die anderen schon längst in die Ferien gefahren sind, bleiben sie brav daheim und machen ihre Hausaufgaben. Dabei lautete das Aufsatzthema, das die Kulturpolitik gestellt hatte: Sorgen Sie dafür, dass die Zahl der Theatervorstellungen gleichmäßig übers Jahr verteilt wird. Gewährleisten Sie dabei gleichbleibend hohe Qualität. Aber außer der Neuköllner und der Komischen Oper, wollte sich mal wieder niemand um die Ferienaufgabe kümmern, obwohl die Publikumsresonanz überragend ist. Die neureiche Staatsoper hatte sich schon vor Schuljahresende zu einer Israel- und Spanien-Reise verabschiedet, das Theater des Westens hatte am Unterricht nicht mehr teilgenommen, seit klar war, dass es mit "Schwejk it easy" das Klassenziel definitiv verfehlt hatte. Bleiben also die Aufsteiger aus Neukölln, die eigentlich gar nicht mehr büffeln müssten, weil sie ohnehin regelmäßig gute Zensuren kriegen.

Eine Arbeitserleichterung gestatten sich Peter Lund und Mitstreiter allerdings. Sie stellen für den Sommer kein neues Stück auf die Beine. Statt dessen frischen sie zwei ältere Arbeiten auf, die in der letzten Saison mit "sehr gut" benotet wurden. Einmal die Neukölln-Doku-Soaperette "Die Krötzkes kommen" und dann einen von Lund und Wolfgang Böhmer zur Operette magique aufgebrezelten Shakespeare-Sommernachtstraum. Während die "Krötzkes" im Stammhaus an der Karl-Marx-Straße als hemmungslos trashiges Proll-Diven-Spektakel die zuvor mit dem "Wunder von Neukölln" eingeleitete Stadtteil-Glorifizeirung fortsetzen, wurde der "SommerNachtTraum" bei der Premiere vor einem Jahr von einem strengen Tagesspiegel-Kritiker als gelungener Versuch bejubelt, den Geist der Vorlage mit Witz und Fantasie in die Berliner Gegenwart herüberzuretten: Mit Handwerkern, die direkt vom Potsdamer Platz zu kommen scheinen und einem Athener Wald, der eigentlich auch der Tiergarten sein kann. Nur konsequent, dass die Wiederaufnahme in Fußweite von Wald und Baustelle im GRIPS-Theater spielt.

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