Kultur : Vorschau: Sotto voce

In Zeiten, als der Glaube noch stark war unter den Menschen, wäre die halbverunglückte "Holländer"-Premiere der Staatsoper als Fingerzeig Gottes verstanden worden: Der Primadonnenausfall als letzte Warnung an den Lindenkönig Daniel, bevor im kommenden Jahr das babylonische Unterfangen aller zehn Wagner-Opern am Stück über die marode Bühne gehen soll. Und natürlich auch als himmlischer Versuch, der Einteilung des Opernvolks in zwei Klassen zu wehren: diejenigen, die die überteuerten Festtagspreise bezahlen können, und die armen Opernwitwen, die sich selbst ihr Scherflein für die (von Restanstand zeugenden) preisgünstigen "Berliner Soiréen" noch vom Munde absparen müssen. In seiner Güte hat der Herr jetzt die Krankeit von der vielgeliebten Anne Schwanewilms genommen und sorgt dafür, dass das unschuldige Normalpreis-Publikum die Premieren-Senta der Kupfer-Inszenierung erleben darf. Ihre schlichtweg umwerfende, in jeder Faser durchlebte Sieglinde beim letzten Staatsopern-Ring ist noch in frischer Erinnerung und selbst für Kupfer- und Barenboim-Skeptiker Grund genug, sich in diesen "Holländer" zu wagen (heute und, als Berliner Soirée, am 26. 4.).

Es ist allerdings eher unwahrscheinlich, dass König Daniel den Wink des Herrn versteht und von seiner Wagner-Gigantomanie in letzter Minute doch noch ablässt - erstens hat gerade erst das Beispiel des kleinen Meiningen gezeigt, dass man mit Masse (in diesem Fall dem "Ring" an vier aufeinander folgenden Tagen) noch am ehesten die geballte Medienaufmerksamkeit gewinnt, und zweitens ist Wagner neben Mozart, Puccini und Verdi immer noch der sicherste Einnahmegarant. Beim Blick auf die Spielpläne bekommt man schon jetzt das Gefühl, als feiere die Stadt ganzjährige Wagner-, Mozart- und eben Verdi-Festtage: So stehen am Sonntag an der Deutschen Oper "Aida", an der Staatsoper "Falstaff" und an der Komischen Oper "Don Carlos" auf dem Programm, der Unterschied zu den gerade gefeierten Berliner Verdi-Tagen ist da wohl gleich Null.

Je nun, wenn das Ergebnis stimmt, will man sich ja gar nicht aufregen und ist froh, wenn in einer öden Inszenierung wenigstens gute Musik gemacht wird. In Mailand und New York ist das schließlich auch nicht anders: Im Repertoire regiert die mehr oder weniger abgespielte Konvention, und was die Qualität der Besetzung anbelangt, sind Vorkenntnisse für die Wahl der "richtigen" Vorstellung ratsam. Was in diesem Fall heißt: Den "Don Carlos" in jedem Fall lassen - es sei denn, man will sich unbedingt vor Augen führen, wie schlecht es Verdi an einem deutschen Stadttheater gehen kann. Dafür die "Aida" mit dem Star Giuseppe Sinopoli im Orchestergraben: Nur für zwei Vorstellungen schaut der Chef der Dresdner Staatskapelle an der Deutschen Oper vorbei - wer weiß, wann er wiederkommt? (Karten noch erhältlich für den 22. 4.).

Dass die Staatsoper mit der Wiederaufnahme ihres "Falstaff" gegenhält, ist immerhin ein erfreulicher Nebeneffekt der ganzen Verdi-Feierei: Langsam scheint das Stück seinen notorischen Ruf als Kassengift zu verlieren und gegenüber "Aida", "Traviata" und Co. aufzuholen. Zwar ist Jonathan Millers Inszenierung längst nicht so schön geraten wie Andreas Homokis Version an der Komischen Oper, und statt Premierendirigent Abbado wacht diesmal Philipp Jordan über die Staatskapelle, aber mit Ewa Podles, Adrienne Pieczonka und Altstar Ruggiero Raimondi verspricht die Sängerriege zumindest auf dem Papier Großes. Es sei denn, der Herrgott funkt wieder dazwischen.

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