Kultur : Vorschau: Sotto voce

Aus gegebenem Anlass mal ein grundsätzliches Wort zur Konzertkritik: Warum tun die meisten Kritiker so, als sei ein Klassik-Konzert eine rein akustische Angelegenheit und ignorieren hartnäckig die optische Komponente eines Ereignisses, das im Durchschnitt ebenso lang dauert wie ein vollwertiger Kinofilm? Mehr noch, die zweieinhalb Prozent hartnäckigen Augenzukneifer im Konzertpublikum verpassen manchmal sogar den spannenderen Teil: Denn auch wenn im einheitlichen Frack- und Abendkleid-Look auf den ersten Blick nur wenig Aufregendes geboten wird, teilt sich die Persönlichkeit von Solisten und Dirigenten oft durch Körpersprache und Haltung genauso mit wie durch die Musik. So griffe es einfach sträflich zu kurz, Gianluigi Gelmetti nur durch seine Interpretation beschreiben zu wollen. Dem ehemaligen Chef der Römischen Oper und des Stuttgarter Radio-Sinfonieorchesters beim Dirigieren zuzuschauen, ist das reine Vergnügen. Gelmetti dirigiert nämlich mit dem Bauch - zumindest tat er das bei seinem letzten Konzert mit dem Berliner Sinfonie-Orchester. Die Wirkung auf das Publikum war spektakulär. Das war alles andere als bloße Show, sondern gewann etwa Ravels "Boléro" eine ganz ursinnliche Ausdrucksdimension ab. Insofern war Gelmettis unkonventioneller Auftritt eher ein Zeichen souveränen Handwerks - schließlich geht es auf dem Podium ja nicht nur darum, den Takt zu schlagen, sondern auch die Musiker in die richtige Stimmung zu bringen. Von Donnerstag bis Samstag schaut er im Schauspielhaus wieder mit einem klangprächtigen Respighi/Debussy-Programm beim BSO vorbei. Hingehen und hingucken! (10.-12. 5.)

Bei den Dirigenten, die fest in der Stadt engagiert sind, hat sich das Publikum ohnehin längst an die persönlichen Eigenheiten, Physiognomien und Körpersprachen gewöhnt - wenn das Herz, die musikalische Aussage stimmt, stören Äußerlichkeiten genauso wenig wie in einer funktionierenden Beziehung: Das typische In-die-Knie-gehen von Christian Thielemann zum Beispiel, mit dem der Chefdirigent der Deutschen Oper die leisen Töne aus seinem Orchester geradezu herauszupressen scheint, irritiert höchstens Erstzuschauer. Nach dem letzten Sinfoniekonzert, das Dirigent und Orchester in blendender Form zeigte, sind die Musiker jetzt am Sonntag Vormittag beim Open-Air-Benefiz-Konzert im Stadion des Traditions-Tennisclubs "Rot-Weiß" zu sehen und zu hören (6. 5). Der Erlös des opernorientierten Klassik-Highlight-Programms geht an die Mukoviszidose-Stiftung.

Die Mischung aus Lockerheit und Präzision im Dirigiergestus von Kent Nagano dagegen scheint schon seine unprätentiösen Werksichten anzukündigen, sein wehender seidig-schwarzer Haarschopf ist vom DSO effektbewusst auf das Cover der nächsten Saisonbroschüre platziert worden. Der Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters scheint eine Neigung zu den sinfonischen Schwergewichts-Stücken zu haben: Nach Mahlers neunter, Schostakowitschs Achter und Bruckners Fünfter hat er sich jetzt Bruckners anderthalbstündige achte Sinfonie vorgenommen. Ganz ohne DSO-typische Programmzutat übrigens, die etliche Konzertbesucher seinerzeit von Naganos spannend disparater, unmonumentaler Bruckner Fünf ablenkte: Bei der Kombination mit Bachs Goldberg-Variationen streckte auch der Tagesspiegel-Rezensent die Feder und bekannte ehrlich, dass nach einer Reise durch das Bach-Universum mit Andras Schiff seine Aufnahmekapazität erschöpft gewesen sei. Übrigens auch, ohne hinzugucken. (Philharmonie, 6. 5. u. Konzerthaus, 7. 5.).

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