Kultur : Vorschau: Sotto voce

Als langjährige Beobachter des Berliner Konzerthimmels möchten wir auf ein Phänomen hinweisen: Immer wieder kommt es an diesem Firmament zu seltsamen Ereignisballungen, die so recht niemand erklären kann. Rein zufällig stehen sonst nie gespielte Werke plötzlich drei Mal in Folge auf dem Programm oder finden plötzlich innerhalb von zehn Tagen so viel Liederabende statt wie sonst in der ganzen Saison. Diesmal ist ganz plötzlich eine Art Kammermusikfrühling ausgebrochen - mit so vielen hochklassigen Konzerten, dass man glatt das Festival-Schmucketikett draufkleben könnte. Den Startschuss gab vorgestern das Alban-Berg-Quartett mit seiner Silver-Jubilee-Tour, gleich heute hält die Bläserfraktion des Rundfunk-Sinfonieorchsters Berlin mit Schuberts wunderbarem Oktett im kleinen Saal des Schauspielhauses dagegen. Ein Konzert, das auch insofern eine Besonderheit ist, als die meisten Kammermusikformationen, die aus den Berliner Orchestern hervorgehen, Streichquartette zu sein scheinen. Kein Wunder, stehen doch die (im Fall des RSB ja ausgezeichneten) Holzbläser durch die vielen solistischen Einsätze in Orchesterwerken schon genug im Rampenlicht, während die Kammermusik für Streicher ein wichtiges Gegengewicht zum Dienst im Tutti-Korps ist. Das Philharmonia-Quartett um den Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Daniel Stabrawa, hat sich in den letzten Jahren als eines der besten Berliner Streichquartette etabliert - derzeit sind die vier Philharmoniker auf der Reise zum Allerheiligsten der Quartettliteratur, Beethovens 16 Streichquartetten. Angelangt sind sie gerade bei Opus 18, Nr.5. Bei ihrem Konzert am Montag im Kammermusiksaal kombinieren sie das Werk mit Brahms, Weill und Hugo Wolfs "Italienischer Serenade" als Schmankerl.

Schwer fällt die Wahl am Dienstag zwischen dem Kölner Auryn-Quartett, das im Rahmen der "Verklungenen Feste" im Schauspielhaus gastiert, und dem großartigen Trio Jean Paul, die zeitgleich den Kammermusiksaal besetzen. Eine Direktkonkurrenz, bei der man sich mal wieder nur die Haare raufen kann. Entscheiden muss jeder selbst, ob er der jugendstiltrunkenen frühen Schönberg-Quartette mit den Auryns oder der mitreißenden Leidenschaft und Musizierlust der Jean Pauls bei Beethoven und Mendelssohn den Vorzug geben will.

Als wäre das noch nicht genug, fährt das Schauspielhaus am Mittwoch und Donnerstag gleich eine ganze Riege von Supersolisten auf, die in wechselnden Besetzungen Kammermusik vom Feinsten spielen. Es hat allerdings ein wenig den Touch des Britisch-Exzentrischen, dass Klassik-Stars wie der Cellist Steven Isserlis, der Klarinettist Michael Collins und der Pianist Steven Hough (um nur einige zu nennen) ausgerechnet im kleinen Bobonnieren-Saal aufeinander treffen, um Werke des Nachbrahmsianers Carl Frühling aufzuführen. Vielleicht gelingt das edle Unterfangen, die Werke des 1937 in Wien gestorbenen Frühling der Vergessenheit zu entreißen. Bessere Interpreten dürften sein Klavierquintett (am Mittwoch) und sein Klarinettentrio (am Donnerstag) vermutlich nie finden. Um ihre Ausgrabungen herum haben die Frühling-Boten Werke von Brahms und Dvorak gruppiert. Und dass für die Ankündigung des Konzerts von David Geringas, Klaus Thunemann, Tim Vogler und Freunden am Donnerstag im Kammermusiksaal schon fast kein Platz bleibt (Mozarts Klarinettenquintett, Beethovens Quintett für Klavier und Bläser, Schuberts Streichquintett !), lässt einen angesichts der plötzlichen Überfülle an Kammermusik schon fast wieder verzweifeln.

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