Kultur : Vorschau: Sotto voce

Just vor wenigen Tagen erreichte uns die Nachricht, dass das Artemis-Quartett in diesem Jahr mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet worden ist. Das freut uns natürlich, einmal für die Künstler selbst - Glückwunsch, Glückwunsch! - aber auch, weil die Vergabe dieses zwar undotierten, aber doch medienwirksamen Preises an eine Kammermusikformation Symbolwert hat. Denn im Zentrum des Interesses stehen ja sonst eher Diven, Dirigenten und Tenöre, während mit dialogorientierten Streichquartetten und Klaviertrios kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Nachdem in den letzten Jahren Künstler wie Yakov Kreizberg und Siegfried Matthus aufs Kritikerschild gehoben wurden, hat sich die Jury diesmal entschlossen, via Artemis die Preiswürdigkeit der Kammermusik zu demonstrieren. Was übrigens die Kulturversender von 2001 schon geahnt zu haben scheinen, da sie prompt in ihrem neuen Katalog eine Reihe von Aufnahmen des 1989 an der Lübecker Musikhochschule gegründeten Streichquartetts mit Werken von Beethoven bis Ligeti präsentieren.

Für Berlin sind die Tonkonserven allerdings eher von zweitrangiger Bedeutung, denn hier kann man die Preisträger in Fleisch und Blut bewundern, am Sonntag im kleinen Saal des Konzerthauses mit einem preiswürdigen Programm: Auf Bartóks fünftes Streichquartett folgt ein Werk für Quartett plus Kammerbesetzung von Erwin Schulhoff und Karl Amadeus Hartmann, die sonst so gut wie nie zu hören sind. Beim erst posthum uraufgeführten Hartmann-Konzert für Klarinette, Streichquartett und Streicher (eine wohl einmalige Kombination) haben sich die Artemis-Musiker und das Konstantia Gourzis ECHO-Ensemble die 26-jährige Nicola Jürgensen als Solistin geholt - wer im Februar bei ihrem fulminanten Debüt im Deutschlandradio mit Webers zweitem Klarinettenkonzert dabei war, kommt vielleicht schon allein ihretwegen (20. 5.).

Das ist unbestritten das Highlight der Woche, auch weil verglichen mit dem Ereignisstau der letzten Wochen wieder eine Beruhigungsphase in den Berliner Konzertsälen eingetreten ist. Man merkt es sogar an Himmelfahrt: Wo sich sonst an derlei hohen Feiertagen die Konzertliste ins Endlose zu strecken scheint, ist das Kulturangebot für all die Frauen, die vielleicht die Vatertags-Abwesenheit ihrer kulturunlustigen Gatten nutzen wollen, ausgesprochen mager. Mit viel Glück kann die eine oder andere vielleicht noch eine Philharmoniker-Karte ergattern und das Orchesterdebüt von Sakari Oramo erleben. Der Nachfolger von Simon Rattle beim Birmingham Symphony Orchestra war zwar schon zweimal beim DSO zu Gast, wird aber den meisten Berliner Klassik-Fans wohl noch unbekannt sein: Als Finne dirigiert er natürlich Musik in finnischer Reichweite - Sibelius, was sonst, und dazu Nielsens knallige Vierte ("Das Unauslöschliche") und Schostakowitschs immer wieder gern gehörtes erstes Cellokonzert (Philharmonie, 24.-26. 5.).

Was das Opernhighlight der Woche angeht, haben diejenigen, die sich auf Christian Thielemanns "Tristan"-Dirigat gefreut haben, übrigens Pech: Nach glücklich absolvierter "Hans Heiling"-Premiere am letzten Samstag hütet der Chefdirigent der Deutschen Oper jetzt krankheitshalber das Bett, ebenso übrigens wie die eigentlich angesagte Isolde, Luana DeVol. Dafür hat die Amerikanerin Susan Owen die Titelpartie übernommen und Jiri Kout dirigiert die Vorstellung am 20.5. Bis zur zweiten Aufführung am 27. hofft Thielemann allerdings, wieder einsatzbereit zu sein. Wir wünschen es - ihm und uns.

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