Kultur : Vorschau: Sotto voce

Würde man alle Notenblätter nebeneinander legen, die an diesem Sonntag im Kammermusiksaal der Philharmonie auf den Pulten der Musiker stehen werden, käme man wahrscheinlich sogar auf mehr als die legendären 42,195 Kilometer. Zum vierten Mal schon lädt das Berliner Philharmonische Orchester zum Musik-Marathon in die Herbert-von-Karajan-Straße: Um 14 Uhr fällt der Startschuss, der letzte Instrumentalist wird gegen 23.30 Uhr im Ziel erwartet, wo ihm der Applaus der begeisterten Menge ebenso sicher ist wie allen seinen Mitstreitern - nicht nur Sportfans, auch Klassik-Liebhaber lassen sich von Ausdauerleistungen begeistern.

Ausgedacht hat sich die Langstreckenkonzerte 1998 Intendant Elmar Weingarten, zum Leben erweckt werden sie von Mitgliedern des deutschen Edelorchesters. "Die Grundidee war, die Philharmonie in ihrer ganzen Vielseitigkeit zu zeigen", erklärt Weingarten. "Außerdem ist es natürlich immer eine Freude, die Fülle der unterschiedlichen Kammermusikformationen aus den Reihen der Philharmoniker zu erleben, die wirklich Spitzenklasse sind." Der Erfolg gab ihm Recht: Zum Brahms-Marathon 1998 strömten die Leute, und auch in den Folgejahren lockten die Mozart- und Schubertiaden Musikbegeisterte mit Sitzfleisch an. Die Tickets zum Preis von 40 Mark sind übrigens stets den ganzen Tag lang gültig, so dass man auch mal zum Luftschnappen in den Tiergarten gehen kann. Oder ins Foyer des Kammermusiksaals, wo die Cateringfirma Gerresheim jedes Mal ein Büffet aufbaut, das auch Gerichte anbietet, die sich auf die Komponisten beziehen. So spielen diesmal Rheinische Spezialitäten wie Schippelbohnensuppe oder Fleischwurstsalat auf die Jahre Robert Schumanns wie auch Felix Mendelssohn-Bartholdys in Düsseldorf an.

In diesem Jahr stehen nämlich erstmalig zwei Meister im Mittelpunkt: Dass Schumann und den ein Jahr älteren Mendelssohn-Bartholdy nicht nur ihre Stationen am Rhein und in Leipzig verbinden, soll in den siebzehn aufeinander folgenden Marathon-Konzertteilen hörbar werden. Der Vorteil des philharmonischen Großprojektes ist dabei, dass man nicht nur die Hits der Komponisten erleben kann, die auch sonst immer auf den Programmzetteln der Kammermusikabende stehen, sondern auch Abseitiges oder gar Unbekanntes. So wird es von Mendelssohn das Sextett für Klavier und Streicher opus 110 und das Konzertstück für Klarinette, Bassetthorn und Klavier opus 144 geben.

Im Fall von Robert Schumann darf man auf das Klavierquartett Es-Dur oder die Märchenerzählungen gespannt sein - und natürlich auf seine Melodramen, also die dramatischen Sprechgedichte, die mit Titeln wie "Die Flüchtlinge", "Schön Hedwig" oder "Die Ballade vom Haidenknaben" locken.

Wie immer sind auch Studierende der Hochschulen mit dabei, diesmal die Liedklasse von Carola Theil, die sich zu Beginn und gegen 16 Uhr im Foyer präsentiert. Besonders Wissbegierige kömmen sich zudem bei einem Vortrag von Rainer Cadenbach Hintergrund-Infos zum Kammermusik-Schaffen der beiden Komponisten sammeln.

"Für mich ist Musik vor allem ein Kommunikationsprozess", betont Weingarten, "Dieser Prozess verläuft allerdings nicht intravenös, sondern dadurch, dass man über die Musik spricht, die man gerade gehört hat. Deshalb ist der Marathon auch ein Angebot an die Zuhörer, selber aktiv zu werden: Indem sie zunächst aus dem Programm die Stücke auswählen, die ihnen besonders interessant erscheinen, und im Anschluss dann mit anderen darüber im Foyer diskutieren."

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