Kultur : Vorschau Sotto voce

Angesichts der musikalischen Produktivität von Jos van Immerseel kann es einem den Atem verschlagen: Drei Mozart-Klavierkonzerte an einem Abend in Pesonalunion als Pianist und Dirigent aufzuführen, scheint für den Niederländer ebenso wenig eine Strapaze zu bedeuten, wie den ganzen Zyklus von immerhin 27 Konzerten gleich am Stück aufzunehmen. Sein kontinuierlich wachsender CD-Katalog enthält Raritäten wie eine Aufnahme der eigentümlichen Klavierversion von Haydns "Sieben letzten Worten des Erlösers am Kreuz" oder eine geradezu revolutionäre Gesamteinspielung der Schubert-Sinfonien mit seinem Stammorchester Anima Eterna. Kein Wunder, dass eine CD-Box mit Immerseel-Kostproben unlängst mit The complete performer betitelt wurde. Man hätte auch schreiben können: Der Barenboim der historischen Aufführungspraxis, denn was das Repertoire angeht, ist der Unterschied zwischen "historisch" und konventionell" ohnehin längst zusammengeschmolzen. Bei Immerseels Auftritt mit der Akademie für Alte Musik im Konzerthaus beschränkt er sich am Dienstag auf die fünf Minuten der Ouvertüre zu Johann Christian Bachs Oper "Endimione", die nicht gerade zum normalen Ochesterrepertoire gehört. Die folgende Kombi mit Mozart-Klavierkonzert (mit Immerseel in Doppelfunktion) und Beethoven-Sinfonie, die für Barenboim und seine Staatskapelle Alltag wäre, ist für die Akademie musikalisches Neuland: Zum ersten Mal überhaupt wagt sich das Ensemble an eine Beethoven-Sinfonie - und hat damit den Punkt erreicht, wo es ohne Dirigenten nicht mehr geht. Und wer weiß, ob nicht ein historisierender Beethoven-Zyklus mit "Berlins neuntem Orchester" draus wird. Mit Immerseel. Oder mit Rattle. Oder sogar mit Barenboim.

0 Kommentare

Neuester Kommentar