Kultur : Vorschau: Sotto voce

Angesichts der unentwegten Beschwörung unserer abendländischen Kulturwerte nach dem 11. September hätte man für diesen Jahreswechsel eigentlich eine Aufführungs-Flut von Beethovens "Neunter" erwarten können. Denn das "Alle Menschen werden Brüder" wäre doch der gebotene Friedensappell zur Überwindung aller Spintisierereien, die "die Mode streng getrennt". Aber von wegen! Allein das Rundfunk-Sinfonieorchester und sein neuer Chef Marek Janowski halten heuer Beethovens Humanitätsflagge hoch (Konzerthaus, 30. u. 31. 12.), die übrigen sieben hauptstädtischen Klangkörper haben Anderes im Sinn. Die Philharmoniker natürlich aus Tradition, auch wenn ihr Silvestermotto "Aufforderung zum Tanz" und der Hörbilderbogen von Bach bis Carlos Gardel in diesem Zusammenhang eher wie ein Bekenntnis zum Fortleben der Spaßgesellschaft wirken mag (Philharmonie, 30. u. 31. 12.). Derzeit wird ja eher auf dem Vulkan getanzt.

Natürlich sind die Silvester- und Neujahrskonzerte immer auch eine Gelegenheit zur künstlerischen Profilierung. Kent Nagano und sein Deutsches Symphonie-Orchester etwa haben wieder einmal ihr Ziel einer intellektuellen Neubelebung der Konzertform im Auge: Durchsetzt wird das Proms-orientierte Programm mit Texten des Romantikers E. T. A. Hoffmann, gesprochen von Hannelore Elsner. Das verspricht spannend zu werden. Außerdem können alle, die für das durch die Mitwirkung von Berlins Belcanto-Primadonna zur Gala erhobene Silvesterkonzert im Tempodrom keine Karte mehr bekommen haben, am 3. Januar beruhigt in die abgespeckte Version in der Philharmonie gehen. Ohne Aliberti, aber viel billiger. Und Sparen ist ja auch ein guter Vorsatz für das neue Jahr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben