Kultur : Vorschau: Sotto voce

Das Publikum kann manchmal reichlich unbarmherzig sein. Die Rede ist hier nicht einmal von den Buh-Orgien, mit denen die Regisseure der beiden letzten Opernpremieren am Wochenende abgestraft wurden. Auch die Angina-Monologe, mit denen gelangweilte Hörer gerne die Unzufriedenheit ausdrücken, sind diesmal kein Thema. Nein, es soll um etwas viel Schlimmeres gehen: Die Abstimmung mit den Füßen. Denn die hat das Orchester der Deutschen Oper in dieser Spielzeit so deutlich zu spüren bekommen wie keine andere Berliner Kulturinstitution. Bei den ersten drei Konzerten saßen jeweils kaum mehr Menschen in den Stuhlreihen des Konzerthauses als auf dem Podium. Und das, obwohl die Musiker aus der Bismarckstraße keine schlechteren Konzerte spielen als etwa das Rundfunk-Sinfonieorchester oder das Berliner Sinfonie-Orchester, die meist vor rappelvollem Haus auftreten. Das verstehe, wer will, denn erstens hat die Deutsche Oper ja sonst ein treues Publikum, zweitens ist das Orchester nach der müden Epoche Frühbeck unter Christian Thielemann wieder zu einem auch international wahrgenommenen (und eingeladenen) Klangkörper geworden und drittens ist der Weg von Charlottenburg bis Mitte auch nicht weit, sondern hat dank U 2 den Effektivitätsgrad eines Express-Shuttles. Ausgenommen, es brennt gerade mal wieder in der U-Bahn.

Wahrscheinlicher ist, dass die Leute das Orchester nur in Kombi mit dem Chef hören wollen, und der ist in dieser Spielzeit leider nur Zaungast - eine Spätfolge der Querelen von vorvergangenem Jahr, als der zornige Maestro für einige Monate vom Amt zurückgetreten war und seine Termine anderweitig verplante. Umso wichtiger ist für das Orchester der einzige Thielemann-Konzerttermin des Jahres mit Bruckners achter Sinfonie am Mittwoch im Konzerthaus.

Bis das Publikum seinem Orchester auch ohne Chef in den Osten folgt, wird vermutlich noch einige Zeit vergehen: Das musste auch der neue erste Gastdirigent Marc Albrecht merken, der hier vor einigen Monaten Henzes "Requiem" vor trauriger Kulisse dirigierte. Dabei haben Dirigent und Musiker offenbar einen guten Draht zueinander Nicht nur der Henze geriet sehr stimmig, auch die Wiederaufnahme von Schönbergs hochkompliziertem "Moses und Aron" in der Deutschen Oper überzeugte. Allerdings auch, weil der Moses statt vom pathetisch deklamierenden Schauspieler Rolf Boysen endlich von einem richtigen Sänger interpretiert wurde. Das Changieren zwischen Sing- und Sprechstimme, das den Moses erst als Dazugehörigen (zum singenden Volk Israel) und gleichzeitigen Außenseiter charakterisiert, kann wohl nur ein echter Bariton realisieren. Einer wie Fischer-Dieskau, der diese Rolle im letzten Jahr so grandios präsentierte. Oder eben einer wie David Pittman-Jennings, der am Dientag in die Rolle des Propheten schlüpfen wird.

Abschließend noch ein Tipp für alle Opernfans, die mit keiner der drei "Don Giovanni"-Inszenierungen an den Berliner Opernhäusern zufrieden sind: Am Sonntag Mittag um 11 sowie an den drei folgenden Sonntagen zeigt das Programmkino Filmkunst 66 in seiner Opernfilmreihe die legendäre Salzburger Inszenierung der Mozart-Oper mit Wilhelm Furtwängler am Pult. Kurz vor Furtwänglers Tod entstanden, ist die Aufnahme als Tonkonserve schon längst ein Klassiker. Wer die Traumbesetzung von einst: Cesare Siepi, Elisabeth Schwarzkopf, Erna Berger und Co. nicht nur hören, sondern auch sehen will, sollte sich das nicht entgehen lassen. Und der Weg von der deutschen Oper in die Bleibtreustraße ist auch nicht weit.

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