Kultur : Vorschau: Sotto voce

Es ist ja nicht so, dass es wenig klassische Konzerte in Berlin gäbe. Doch pssst! Der Pleitegeier kreist hungrig und wie zu befürchten steht, wird er nicht wählerisch sein, wenn er ein waidwundes Tier bemerkt. Das ist schlecht für die Stimmung und sogar schlecht für den Musikkritiker, der sich bei jeder zornigen Zeile Sorgen machen muss, ob er sich nicht soeben der fahrlässigen Tötung einer letztlich erhaltenswerten Institution mitschuldig macht. Klagen wir also dort, wo das noch risikolos geht: Bedauern wir, dass ein wenig kostenintensiver Teil echten klassischen Großstadtkonzertlebens in Berlin fast völlig fehlt. Die Rede ist von Lunchtimekonzerten. So gut wie jeden Tag, zur Mittagszeit, in mindestens einer Kirche der City kann der glückliche Londoner gratis oder für einen geringen Obolus Musik genießen Und, wer es nicht erlebt hat, glaubt es nicht, aber es arbeitet sich gut nach einem Lunchtimekonzert, die fiebernde Energie lassen wir bei den jungen Interpreten, erfrischt setzen wir uns an den Schreibtisch zurück: wenn wir Glück haben, Probleme lösend, als ließen wir eine Fuge zum Orgelpunkt auspendeln. (Und das klappt auch, wenn wir Kontra- und Orgelpunkt nicht bei ihrem Künstlernamen zu rufen wissen).

Doch halt! Heißt, auf diesen strukturellen Mangel an Möglichkeiten zur Rekreation der Arbeitskraft hinzuweisen, nicht potenzielle Investoren abschrecken? Nun, einen kleinen Lichtblick im Schatten der Bürotürme des Potsdamer Platzes hat die Stadt anzubieten: Den vierzehntäglichen "Jour fixe" im Musikinstrumentenmuseum nämlich. Zwar ist der Beginn um 15.30 Uhr nur für Gleitzeitler noch als Mittagspause zu verwerten, doch für einen tönend bewegten Ruhepunkt im Herzen der Woche eignet sich der Mittwochstermin in jedem Fall. (Am 15. Mai mit Gitarrenmusik von Bach und dem Zarzuela-Meister Federico Moreno Torroba). Übrigens alles gratis. Ein echtes Geschenk.

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