Kultur : Vorschau: Sotto voce

Der Gewissenskonflikt zwischen Hochkultur und Kitsch ist am Sonnabend unausweichlich: Schaut man sich im Fernsehen die Grand-Prix-Übertragung an oder bekennt man sich durch einen Opernbesuch zum harten Kern der Klassik-Minderheit? Dabei liegen die Alternativen gar nicht so weit auseinander, wie es aussieht. Denn der Eurovisions-Wettbewerb lockt mit skurrilem Personal, auf das die Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts nur neidisch sein können. Unter anderem tritt ein slowenisches Transentrio auf - da denkt jeder Opernliebhaber natürlich gleich an die Macbeth-Hexen. Deutschland schickt sogar eine blinde Sängerin ins Rennen - Besuchern der Deutschen Oper dürfte dieser Rollentopos unter anderem aus Ponchiellis "La Gioconda" bekannt vorkommen.

Einmal ganz abgesehen davon, dass natürlich jede Oper etwas von Schlagerwettbewerb hat, im Fall der "Turandot", die die Komische Oper ins Rennen gegen den Grand Prix schickt, ist es allerdings schon klar, wer die douze points des Publikums einsackt: Kalaf natürlich, der mit seinem "Nessun dorma" gegen Opernende noch den Puccini-Megahit aus dem Ärmel zieht.

Im Fall des "Don Giovanni", mit dem die Staatsoper am Samstag auftrumpft, ist das Applaus-Barometer eindeutig vorherzusagen. Mozart hat seine Melodien zwar gerechter verteilt, aber gegen den Starbonus von Cecilia Bartolis Donna Elvira kommt keiner an - wohl nicht mal René Papes Don Giovanni, obwohl kaum jemand dem Staatsopernbass derzeit das Wasser reichen kann. Aber das Publikum entscheidet ja nicht nur nach Stimme, sondern nach Sympathie, das ist in der Oper nicht anders als bei Schlagerwettbewerben. Zwar sind die Besucher der Grand-Prix-Parties in der Regel witziger als das Publikum der drei Opernhäusern (unddie Stimmung besser), aber was die schicken Abendroben angeht, liegen die Klassiker natürlich eindeutig vorn. Und am Ende macht sowieso jeder, wozu er Lust hat.

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