Kultur : Vorschlag zur Güte

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Dramatis personae:

Ferdinand Brickheber, Redakteur der FAZ

Jochen Karst, Schriftsteller

Xaver Yannick-Zauber, Großkritiker

Wichtiger Mann im Suhrkamp Verlag

James, ein Germanist in Großbritannien

Szene 1

Redakteur Brickheber sitzt spät nachts auf einem Ledersofa. Auf dem Fernsehbildschirm flackert das Testbild eines Privatsenders. Auf dem Glastisch liegt ein dickes Manuskript, leicht zerfleddert. Er greift nach dem Telefon und wählt eine Nummer in London.

James: Yes?

Brickheber: Ferdinand here - Sorry, dass ich so spät anrufe, ich stehe vor einer furchtbar schweren Entscheidung. Da dachte ich an unsere Studienjahre...

James: Zur Sache, Ferdi.

Brickheber: Hier liegt ein Manuskript, ein übles Ding. Wir sollen das vorabdrucken, aber das ist un-mög-lich, un-denk-bar!

James: Dann lasst es bleiben.

Brickheber: Es ist von Karst!

James: Oh je. Verstehe. Worum geht´s?

Frank: Ein Autor bringt einen Kritiker um, alles ist voller Klischees, wir haben bisher jeden Karst gedruckt, aber das hier, nein!

James: Also - unreifes Buch eines beleidigten Autors. Sag ihm das durch die Blume. Be a little British, boy. Come on.

Brickheber: Nein, ich kann nicht! Er meint den Xaver Yannick-Zauber. Er hasst ihn!

James: Ach, der gute Zauber. Wie geht´s ihm denn?

Brickheber: Prima. Er hat jetzt eine Solosendung. Sein Buch war ein Riesenerfolg.

James: Dann kann er doch drüber stehen, über den Fantasien eines Bodensee-Autors.

Brickheber: Dieser Karst ist ein Skandal! Das muss ans Licht! Die antisemitischen Stellen, warte, ich lese dir eine vor.

James: Bloß nicht! Come on, Karst ist kein Neonazi, in den Kreisen liest ihn eh keiner. Je weniger Wind um die Sache, desto besser.

Brickheber: Nein, nein. Ich habe eine Pflicht! Ich habe einen Offenen Brief verfasst: Lieber Herr Leider, Karst ist ihr Buch. . . Quatsch, sorry, umgekehrt.

James: Bitte, Ferdi, ich bin müde. Karst ist nicht Hemingway. Er hat Mist geschrieben, das müsst ihr nicht drucken. Du rufst Karst an und sagst Sorry. Warum unnötig Schrecken verbreiten? Denk an deinen Freund Zauber. Ist er bedroht? Die Leute lieben ihn doch! Mehr als den Karst. Wo ist der Brief?

Brickheber: Im Computer. Hier. Bei mir.

James (gähnt): Du löschst jetzt die Datei. .

Fiepen und Klicken. Schlurfende Schritte.

Brickheber: Hab´s gelöscht.

James: Okay? Ich gehe jetzt schlafen.

Brickheber: Good night! Und danke...

Szene 2

Der Redakteur in seinem Büro. Er greift zum Telefon.

Karst: Wer da?

Brickheber: Hallo, Herr Karst, guten Tag. (Beiläufig) Wie geht es Ihnen?

Karst: Danke, es geht. Der See, die Bäume, all das, es leuchtet derzeit nicht. Nun ja.

Brickheber: Ich fürchte, ich habe auch keine lichte Nachricht. Wir haben Ihren Roman sorgfältig gelesen. Glauben Sie mir, Sie sind ein viel besserer Autor. Ihnen zuliebe wollen wir auf den Vorabdruck verzichten.

Karst: (aufbrausend) Das ist ja... Da steckt Yannick-Zauber dahinter!

Brickheber: Weit gefehlt. (Listig). Der Zauber hat sich schiefgelacht. Er meint, die Kritikerkarikaturen seien drittklassig. Druckt das! hat er gerufen, und der Karst sieht keine Sonne mehr!

Karst: Sie meinen, Sie tun mir einen Gefallen?

Brickheber: Unbedingt. Wenn ich mir das erlauben darf – ich würde da und dort auch nochmal Hand anlegen. . .

Karst: (leicht säuerlich) Ich danke Ihnen. Nachher rufe ich im Verlag an. Jetzt gehe ich im Regen spazieren.

Brickheber: Nehmen Sie einen Schirm mit!

Szene 3

Redakteur Brickheber immer noch in seinem Büro. Er greift zum Hörer, lehnt sich entspannt zurück und legt die Füße hoch.

Wichtiger Mann bei Suhrkamp: Hallo?

Brickheber: Brickheber, guten Tag. Sagen Sie, darf ich einen Augenblick stören? Ich glaube, wir hier, in der Redaktion, haben uns dagegen entschieden, den neuen Karst. . .

Suhrkamp-Mann: Ach, da fällt mir ein Stein vom Herzen. Eben rief Karst an, um zu sagen, dass er das Buch umschreiben will!

Brickheber: Na, dann müssen wir uns alle nicht ärgern. Warten wir auf bessere Texte.

Suhrkamp-Mann: Die kommen.

Brickheber: Davon bin ich überzeugt. Gehen Sie eigentlich manchmal ins Il Bianco? Köstliche Pasta. Wir sollten uns unbedingt mal wieder treffen.

Szene 4

Der Redakteur in seiner Wohnung. Auf dem Glastisch eine Flasche Wein. Er sitzt auf dem Ledersofa und greift zum Telefon.

Kritiker Xaver Yannick-Zauber: Ja, hallo?

Brickheber: Guten Tag, hier Brickheber.

Kritiker: Lieber junger Freund, immer wenn Sie mich anrufen, freue ich mich. Leider haben wir gerade Gäste. Sprechen wir morgen.

Brickheber: Gut, dann morgen. Darf ich nur kurz sagen, dieser neue Karst, das ist wirklich miserable Literatur, aber ich sende Ihnen gerne das Manuskript.

Der Kritiker: Mein junger Freund, um Himmels Willen keine miserablen Manuskripte mehr. Von wem, sagen Sie? Karst? Das Leben ist zu kostbar für noch mehr Unfug. . . Ah, da ruft meine Frau. Ich muss zu Tisch!

Brickheber: Ja, auf bald. Und grüßen Sie bitte Ihre Frau!

Aufgezeichnet von Caroline Fetscher

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