Kultur : Vorschnelle Empörung?: Kein Fall

Es ist nicht die Zeit für Intellektuelle oder "die" Medien, gerade jetzt in Sack und Asche zu gehen. Nach den Terroranschlägen in Amerika haben sich Zeitungen, Fernseh- und Radiosender in beispielloser Weise bemüht, Entsetzen, Trauer und Empörung ebenso auszudrücken wie: zu informieren, zu ergründen, was als Attacke auf die eigene Lebenswelt und womöglich als neue Form des Kriegs so schwer begreiflich wirkt. Mir ist aus den letzten drei, vier Jahrzehnten keine Phase der öffentlichen Debatte erinnerlich, in der Wissenschaftler, Journalisten, Politiker und andere (halbwegs) denkende Menschen so viele Phänomene und Probleme von Krieg und Frieden, Religion und Kultur, Moral und Politik im großen ganzen derart sachbezogen, konkret und zugleich vielfältig differenziert beleuchtet und erwogen hätten. Natürlich gibt es bei einem Schock auch Ausreißer, Entgleisungen, Dummheiten. Das ist allzu menschlich - und hat die Versuche der Selbstvergewisserung und des Verstehens (auch anderer) nach dem 11. September kaum tangiert.

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Fotos: Die Ereignisse seit dem 11. September in Bildern Aber selbst die vermeintlichen oder tatsächlichen Ausreißer sind genauer zu prüfen. Offenbar gab es, auch auf dieser Seite, auch vorschnelle Empörung. So hat Berlins Kultursenatorin Adrienne Goehler, die nicht im Verdacht steht, eine Zynikerin zu sein, bereits vor zwei Tagen (auf dieser Seite) klargestellt, dass sie bei einer Diskussion nach den Anschlägen ihre Trauer ausgedrückt habe und das inkriminierte Wort "Phallussymbole" im Hinblick auf die New Yorker Twin Towers in anderem Zusammenhang gefallen sei. So absurd wie eine Schlammschlacht der Boulevardpresse gegen Goehler sind daher jetzt aufgeregte Rücktrittsforderungen der CDU und FDP.

Auch Nobelpreisträger Dario Fos weltweit kolportierte Verachtung für "zwanzigtausend Tote" in New York: ein fehlerhaftes Zitat des Mailänder "Corriere della Sera" - und die Zeitung hatte nicht einmal die Traute, ihren Fo-Fauxpas einzugestehen. Sogar der große, traurige Komponist Stockhausen - das soll ein Video bezeugen - hat den Terror in Amerika nicht wirklich das "größte Kunstwerk der Welt" genannt, vielmehr das "größte Kunstwerk Luzifers". Ein Unterschied, trotz allem. Und Solidarität heißt noch nicht Uniformität des Denkens. Jene aufgeklärte Toleranz, die der Okzident im Orient mit guten Gründen einklagt, sollte gerade jetzt im eigenen Kopf beginnen.

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