Kultur : Vorsicht, ein Trend geht um

Das Elektropunk-Duo Mediengruppe Telekommander sucht Auswege aus der Zeitgeistfalle

Kai Müller

Sie haben nicht viel Zeit. Sie beziehen gerade ein Studio, müssen ihre Geräte neu verkabeln und ziemlich viel Dämmmaterial an die Wände tackern. Nebenbei harren noch ein paar Masterbänder, die sie „remixen“ sollen, ihrer Bearbeitung. Termingeschäfte. Soeben haben Florian Zwietnig und Gerald Mandl unter dem Namen Mediengruppe Telekommander ihr Debütalbum, „Die ganze Kraft einer Kultur“ (Mute/EMI), herausgebracht, und schon ist Stress. Sie sind eben nur zu zweit. Das ist wenig für eine Band.

Die beiden 30-jährigen Österreicher haben bislang immer in Heimstudios gearbeitet. Das heißt: Ihre Instrumente standen neben ihren Betten, wenn das Telefon klingelte, gingen sie ran, und in der Maschine wartete die Wäsche darauf, zum Trocknen aufgehängt zu werden. In Berlin entsteht Musik häufig unter solchen Bedingungen. Meistens ist sie leise, wird auf Laptops produziert, und man nennt sie Low-Fi.

Leise sind Zwietnig und Mandl allerdings nicht. Scheppernd bollern elektronische Beats durch ein fiepend-zischendes Sound-Ungetüm, eine E-Gitarre hechelt und ein knarziger Bass rumpelt auch durchs Bild. Dazu schreien die beiden Musiker im Chor ihre Parolen: „Vorsicht, ein Trend geht um, du brauchst Veränderung!“ Das klingt nach Alarm, nach Ärger mit den Nachbarn, nach Neuer Deutscher Welle. Nach Hysterie und also nach Pop, bei dem die Erregung schon der ganze Inhalt ist.

Nach Kunst klingt es auch. Aber erst beim zweiten Hören, wenn man begreift, dass viele ihrer Zeilen keinen Punkt haben: „TV-Sampling tiefgefroren/ Mediengruppe auserkoren/ Sounds im eigenen Schoß geboren/ noise reduction für die Ohren/ Massenkompatible Gangart/ Standart einfach unterwandert/ Idiotainment: Was der Anlass?/ Safe Blicke lächeln anders ...“ Und so weiter. Immer schriller singt sich das Elektro-Punk- Duo über eine steile Akkordtreppe nach oben, um schließlich eine Art Refrain zu brüllen: „Fantastisch Automatisch.“ Sie feiern, was sie eigentlich bedauern: Dass das Selbermachen im Gestrüpp von „Lifestyle-Instruktionen“ verkümmert und das Medienzeitalter seinen Geschöpfen nur uniforme, ferngesteuerte Lebenswelten offeriert. Eine nicht eben originelle Beobachtung. Aber im Gedröhne der PopCollage wird daraus jene schizophrene Rebellionspose, die alles anders zu machen behauptet – und mittendrin bleibt.

Eine Szene, die die Mediengruppe ausgespuckt hätte, gibt es nicht. Zumindest nicht in Berlin, wohin es Zwietnig und Mandl 1998 verschlug. Damals kletterten die zwei in einen Kleinbus, um von Salzburg in die deutsche Hauptstadt zu übersiedeln. Sie kannten sich gar nicht. Eine Freund hatte diese Frachtfahrt organisiert. Als sie einander ihre Lieblings- CDs vorspielten, stellte sich heraus, dass sie mehr verband. Sie gründeten Mediengruppe Telekommander, ein Kollektiv ohne Identität, eine Versuchsanordnung, in der aus Musikern, die ihre Jugend in muffigen Probenkellern in dem Bemühen verbrachten, wie Nirvana zu klingen, „Produzenten“ wurden. „Es ist wichtig“, sagt Zwietnig, „sich den Unterschied deutlich zu machen. Denn er verändert den Blick auf das Material.“ So sehen sich der Gitarrist und Mandl am Bass als Sounddesigner.

Noch bis vor kurzem bastelten die beiden Beastie-Boys-Verehrer an synthetischen House-Tracks, die kein Club je gespielt hätte. Dann besannen sie sich ihrer Begeisterung für deutsche HipHop- Texte und entwickelten sich zur Live- Band. Ihre Konzerte sind notorisch überfüllte, schweißnasse Happenings, in denen etwas von der Glückseligkeit des Echten und des Agitprop mitschwingt. Dass sie nicht ein Außenseitertum kultivieren, sondern „das System von innen heraus betrachten“ (Zwietnig), verwickelt sie jedoch schnell in genau den Gewissenskonflikt, den sie besingen: „Was ist die Frage, die man sich stellt, wenn man dem Untergrund so gut gefällt? Das ist die Frage, die sich nicht stellt, weil man dem Management so gut gefällt.“

Telekommander ist übrigens die ungebräuchlich gewordene Bezeichnung für Fernbedienung und beschreibt das Dilemma der beiden Cut-Up-Artisten, die ihre Musik aus Versatzstücken und Zitaten zusammenzappen: Manchmal wissen sie selber nicht, ob ein genialer Einfall von ihnen stammt oder doch nur geklaut ist. „Kapiert, was passiert, wenn’s euch telekommandiert.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben