Kultur : Vorsicht, Hirnforscher!

David Osborns Krimi „Tödliches Experiment“.

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Schon zu Zeiten des Dr. Frankenstein hatten Hirnforsche eine ausgeprägte Neigung zur chirurgischen Hemmungslosigkeit. Die Frage, was einen Menschen jenseits messbarer elektrischer Impulse in seinem Schädel ausmacht, bewegt auch den amerikanischen Autor David Osborn. In seinem Krimi „Tödliches Experiment“ lässt er einen hochbegabten Hirnforscher in die Hände von seinesgleichen fallen. Die Geschichte geht, wie schon die des Frankenstein’schen Geschöpfs, nicht gut aus.

Dafür ist sie faszinierend zu lesen, wegen ihrer Düsternis und ihrer Boshaftigkeit. Dass David Osborn viel Sinn für die Qualen hat, die Menschen anderen Menschen antun, und zwar aus reiner Bosheit, das hatte er schon 1974 mit seinem Krimi „Jagdzeit“ bewiesen. Den vergisst man nicht, wenn man ihn gelesen hat. „Tödliches Experiment“ erschien erstmals 1985, zu einer Zeit, in der Thriller noch nicht so aufgedunsen waren wie heute. Auf knapp 300 Seiten führt Osborn vor, wie hauteng Ehrgeiz und Sadismus beieinanderliegen können.

John Flemming, begnadeter Neurologe in Washington, hat Schönes erlebt und glaubt, er habe Großes vor sich, als ein Unfall sein Dasein auf dieser Welt beendet. Schon die Vorbereitung des existentiellen Horrors, der bald folgen wird, gelingt Osborn auf bedrückend eindrucksvolle Weise. Ein schwerer Autounfall auf dem Weg nach Hause – David Osborn reißt seinen Leser brutal und mitfühlend in das Grauen, das der Alltag für jeden bereithalten kann.

Fortan ist John zu einer Art Leben nach dem Tod verurteilt. Ob das so geht, wie David Osborn es darstellt? Man sollte es nicht hoffen. John ist Rest-Subjekt und Objekt in einem geheimen Experiment, dem seine – ja, was? Witwe? Susan per Zufall auf die Spur kommt. Der politische Rahmen, den David Osborn um ein unauffällig-abgründiges Forschungslabor errichtet, macht die ganze Geschichte noch wahrscheinlicher, als sie ohnehin schon anmutet. Na klar, je mehr Susan dann über Johns Post-Mortem-Schicksal herausbekommt, desto gefährlicher wird es für sie. David Osborn beschleunigt seinen grausamen Wissenschaftskrimi so sehr, dass man über dessen Ende ganz erleichtert ist. Und er sagt, was wichtiger ist als Nervenzellen und Hirnströme – die Moral. Werner van Bebber

David Osborn:

Tödliches Experiment. Übersetzt von Manfred Jeitler. Pendragon Verlag, Bielefeld 2013. 298 Seiten, 10,95 €.

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