Vorspiel zu Young Euro Classic : Naturidyll und Weltenbrand

Das Colombian Youth Orchestra unter Andrés Orozco-Estradá im Konzerthaus.

Patrick Becker
Die Sopranistin Juanita Lascarro.
Die Sopranistin Juanita Lascarro.Foto: Diana Karch

Mit einem Programm, dessen dramaturgischer Verlauf klar erkennbar ist, überzeugt das Columbian Youth Orchestra unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada am Montag im Konzerthaus. Das Ensemble aus Südamerika läutet mit seinem Gastspiel zugleich als „Pre-Opening“ die 18. Runde des „Young Euro Classic“-Festivals ein, das ab 17. August wieder Jugendorchester aus der ganzen Welt nach Berlin locken wird.

Der Abend wird eröffnet mit einer symphonischen Dichtung des 38-jährigen peruanischen Komponisten Jimmy López: América salvajes – wildes Amerika. Im ganzen Konzerthaus verteilt stehen Musiker, zwitschern mit Okarinas oder blasen in Muschelhörner. Aus den schwirrenden Klängen einer Naturidylle im Amazonas beginnt sich ein flotter Tanz herauszuschälen, der mit einem Blechbläserchoral um die akustische Oberhoheit streitet.

Anschließend soll die Sopranistin Juanita Lascarro mit gefühlvollen Liedern des 2015 verstorbenen kolumbianischen Nationalkomponisten Jaime León wie auch mit Stücken von Richard Strauss glänzen. Indes bleibt die ebenfalls aus Kolumbien gebürtige Lascarro weit hinter dem Orchester zurück: Sie vermag Strauss’ Gruß an die Morgensonne nicht überzeugend darzustellen und bringt nur unter größten Mühen hohe Töne über ihre Lippen.

Aber wer hätte gedacht, dass Igor Strawinskis „Sacre du printemps“ von einem Nachwuchsensemble auf eine ganz neue Stufe gehoben werden kann! Es verdient ja schon Respekt, wenn ein „Erwachsenenorchester“ sich an dieses Schlüsselwerk der Moderne heranwagt. Das Columbian Youth Orchestra aber bewältigt nicht bloß mühelos die komplexe Partitur, sondern ist offensichtlich noch davon unterfordert: Die gut 100 Ensemblemitglieder haben sich nämlich eine eigene szenische Choreografie ausgedacht, die auf einer großen Videoleinwand von Animationen begleitet wird.

Im abgedunkelten Saal tragen die Musiker zu den düsteren Klängen eines Trauermarschs einen Kontrabass als Sarg auf die Bühne, es gibt bogenschießende Geiger, schwertkämpfende Posaunisten und schamanisch-tanzende Schlagwerker, und wenn gegen Ende von Strawinskis Frühlingsopfer das Orchester den ekstatischen Tanz der auserwählten Jungfrau spielt, fallen auf der Videoleinwand die Sterne vom Himmel und vereinigen sich zu einem gewaltigen Feuer: Aus der Naturidylle des Amazonas ist ein Weltenbrand geworden.

Weitere Informationen zum Festival im Konzerthaus: www.young-euro-classic.de

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