Kultur : Vorteil für Heimarbeiter

Jörg Königsdorf

über einen Italiener auf Schwarzwaldtour Das Timing stimmt. Vor ein paar Tagen hat Intendantin Kirsten Harms endlich den Namen ihres neuen Chefdirigenten verkündet, und gleich in der kommenden Woche kann sich das Publikum der Deutschen Oper von den Qualitäten Renato Palumbos überzeugen. In den konzertanten Aufführungen von Puccinis Erstling „Le Villi“ am Mittwoch und Samstag hat Palumbo natürlich Heimvorteil: Während sprachfremde Kapellmeister oft lange über den richtigen Tempi und Betonungen tüfteln, haben Italiener über ihre Muttersprache schon das richtige Grundfeeling. Und das ist oft überraschend unsentimental: Bei der „Manon Lescaut“, die Palumbo an der Deutschen Oper dirigierte, war vom Druck auf die Tränendrüsen keine Spur. Statt dessen: straffe Tempi, harte Konturen – und zielstrebige Dramatik. Bei der Premiere trug das Palumbo noch Buhs enttäuschter Thielemannianer ein. Die waren vom Ex-Chef des Hauses noch einen schwelgerischeren Puccini-Stil gewöhnt. Thielemanns Ausflüge ins italienische Repertoire ließen sich allerdings an einer Hand abzählen. In bester deutscher Chefdirigententradition galt er als Wagner- und Strauss-Exeget, obwohl der überwiegende Teil des Repertoires aus Verdi und Puccini besteht. Insofern ist die Entscheidung für Palumbo plausibel. Statt einen Star-Maestro zu verpflichten, dessen Anwesenheit sich auf zwanzig Hochglanz-Vorstellungen pro Jahr im „schweren Fach“ beschränkt, hat Harms sich jetzt einen Arbeiter gesichert, der den Alltag aufpoliert und an der Stilkompetenz des Ensembles feilt. Letzteres ist allerdings im Falle der „Villi" kaum nötig: Für Puccinis 1884 uraufgeführte, im Schwarzwald (!) spielende Geisteroper ist ein Solistentrio mit Startenor Richard Leech an der Spitze verpflichtet worden.

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