Kultur : Vortrag im Neuen Museum: Wolfgang Pehnt über "Schinkels Kuppel und Libeskinds Blitz"

Oliver Heilwagen

Was hat die Schädeldecke des Menschen mit dem Universum gemeinsam? An beides erinnert die Form einer gebauten Kuppel, so der Kölner Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt. In seinem Vortrag über "Schinkels Kuppel und Libeskinds Blitz" widmete er sich der "Sprachfähigkeit zeitgenössischer Architektur". Die provisorische Tribüne in der Ruine des Neuen Museums, das derzeit die Ausstellung "Stadt der Architektur der Stadt" beherbergt, war bis auf den letzten Platz besetzt. Pehnt analysierte zunächst die zentrale Kuppel des benachbarten Alten Museums als "Würdeform", in der nach den Worten seines Erbauers Karl Friedrich Schinkel "das Kostbarste bewahrt" werden sollte. Solche Stein gewordenen "Pathosformeln" sind inzwischen durch inflationären Gebrauch entwertet. Für seine singuläre Bauaufgabe eines jüdischen Museums im Ursprungsland des Holocausts musste Daniel Liebeskind also eine ebenso einzigartige Lösung erfinden. Diesem Anspruch wird er mit seinem spektakulären Vielzackbau an der Lindenallee nicht gerecht, lautet Pehnts These: Genüsslich wies er nach, wie der Architekt denselben an einen Blitz oder zerbrochenen Davidstern gemahnenden Umriss zuvor bei ganz anderen Projekten präsentierte. Pehnts süffisanter Kommentar: "Es ist, als suchten sich frei flottierende Formen erst ihre Bedeutung." Den Ausweg aus dem Dilemma zwischen einer Kuppel, die nicht mehr geht, und einem Blitz, der nicht viel gilt, suchte Pehnt allerdings nicht beim Kugelblitz, sondern im sozialen Dialog: Architekten sollten Vorschläge machen, die von den Benutzern angenommen oder verworfen werden könnten. Dann enstehe gebauter Sinn.

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