Kultur : Vorwärts immer

Eine Berliner Diskussion über die Zukunft deutscher Bühnen

Simone Kaempf

Wo immer über die Zukunft der deutschen Theaterlandschaft diskutiert wird, bleibt die Ausbeute an Ergebnissen naturgemäß recht mager. An solchen Abenden ist man sich im Grunde darüber einig, nicht zur Leichenschau, sondern zum Umkreisen eines sehr lebendigen System zusammenzukommen. Wenn es aber um Zukunftsrezepte geht, pflegen Politiker und Kulturmenschen gleichermaßen das Misstrauen, von der jeweils anderen Seite kompromittiert zu werden. Man konnte davon am Freitagabend in der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung eine Kostprobe erleben. „Denkmal Theater - welche Zukunft hat die öffentliche Bühne?“ hießt das Thema, und es dauerte nicht lange, bis Stefanie Carp, Chefdramaturgin am Schauspielhaus Zürich, freundlich aber bestimmt jenen toten Pragmatismus beklagte, Kürzungen würden immer zuerst die exponierten Künstler treffen: „Was reibungslos funktioniert, wird von der Kulturpolitik gehalten.“

Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Kulturdezernent in Düsseldorf, schlug sich schnell auf eine andere Seite: „Das Stadttheater sollte den Zuschauern das Gefühl geben: Es geht um ihm.“ Ob das reicht? Mangelnde Solidarität attestiertee Antje Vollmer den Theatern untereinander: „Wir müssen ein gemeinsames Bewusstsein schaffen.“

Im Erfinden neuer Politikrezepte und gesellschaftlicher Entwürfe fürs Theater hat Vollmer in jüngster Zeit eine Vormachtstellung inne. Im Sommer sorgte sie mit ihrem Vorschlag, die Theater als Weltkulturerbe schützen zu lassen, für einen besonderen Höhepunkt. Ein Vorschlag, über dessen intellektuelles Format wohl mittlerweile mehr gesprochen wurde als über die realistische Umsetzbarkeit. Theater sei für ihn eher ein Zukunfts-Laboratorium als eines unter Denkmalschutz, kommentierte der Hebbeltheater-Chef in spe Matthias Lilienthal als einziger noch einmal so nonchalant wie zusammenfassend.

Den eigentlichen Haken für den Abend warf Stephan Märki, Intendant des Weimarer Theaters, aus. Dass ihn niemand richtig aufgreifen wollte, mochte auch daran liegen, dass es um Reizwörter wie Tarifsteigerungen, Flexibilität und Strukturveränderungen ging, um Fragen die zur Zeit nicht nur den Theatern, sondern der ganzen Republik Kopfzerbrechen bereiten. Märki hat in der Weimar die Bildung einer Theater-GmbH durchgesetzt: „Wir haben damit kein Modell aufgestellt, vielmehr Mechanismen abgestellt.“ Bis 2008 sei man von den automatischen Lohnerhöhungen des öffentlichen Dienstes befreit und hätte dadurch genügend Luft, den ganzen Theaterapparat flexibler zu machen. „Aber das ist alles ein sprödes und bodenloses Thema“, sagte Märki selber irgendwann – und dass er sich endlich wieder der Kunst statt den Zahlen widmen wolle.

Man konnte in dem Moment ahnen, wie weit die Ökonomisierung des Denkens in den Häusern Einzug erhalten hat und wieviel Anstrengung es dort kostet, das zum Wohle der Kunst wieder zu vergessen. Die Zukunft des Theaters lag in diesem Moment sehr spürbar in Hartnäckigkeit, gepaart mit diplomatischem Geschick und intellektuellen Fähigkeiten. Aber das war eigentlich schon immer so. Simone Kaempf

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