Kultur : Vorwärts und nichts vergessen

Asher Ben-Natan war der erste Botschafter Israels in Bonn, diesen Job wollten 20 Jahre nach dem Holocaust nicht viele Israelis machen. Heute ist das anders.

Clemens Wergin

Der „Mann, der aus der Wüste kam“ haben sie ihn genannt, als Asher Ben-Natan 1965 sein Amt als erster israelischer Botschafter in Deutschland antrat. Darüber muss der 84-Jährige heute noch lächeln. Schließlich ist Ben-Natan geborener Wiener und keineswegs eine Art hebräischer Beduine.

Die Deutschen wussten damals wenig über den jungen Staat im Nahen Osten. Die Beziehungen waren von der Bürde des Holocaust belastet und viele Deutsche fürchteten, dass Ben-Natan als „Racheengel“ nach Deutschland kommen würde. Schließlich hatte er ab 1945 für die „Bricha“ gearbeitet, die zionistische Fluchtorganisation. Die hatte versucht, Juden aus Europa nach Palästina zu bringen und schon vor Ende des Krieges begonnen, Aussagen von Überlebenden zu archivieren, um ein umfassendes Bild der Naziverbrechen zu bekommen.

Am 8. Mai, dem 60. Jahrestag des Kriegsendes, befindet sich Berlin im Ausnahmezustand, das Zentrum ist fast komplett von Polizisten abgesperrt. Ben-Natan ist am Morgen aus Tel Aviv gekommen und hat nur zwei Stunden geschlafen. Aber trotz seines Alters merkt man ihm die Müdigkeit kaum an. Er, der schon damals Politiker wie Ludwig Erhard weit überragte, kommt immer noch aufrecht und hochgewachsen daher. Im Auftreten mehr ein Mann der versunkenen Bürgerlichkeit Europas als der lärmenden Levante. Max Frisch hatte 1965 in der Weltwoche über ihn geschrieben: „In Israel habe ich Asher Ben-Natan kennen gelernt, und er sieht genauso aus, wie ich mir den ersten Botschafter Deutschlands in Israel vorgestellt hätte.“

Ben-Natan ist gekommen, um 40 Jahre diplomatische Beziehungen zu feiern. Deutschland ist nach den USA heute der wichtigste Verbündete Israels. Und Fürsprecher des isolierten Staates in der EU und anderen internationalen Institutionen. „Wenn ich nicht daran geglaubt hätte, dass die deutsche Gesellschaft sich ändern könnte, hätte ich die Aufgabe als Botschafter gar nicht übernommen", sagt Ben-Natan. Er hatte auf das „andere Deutschland“ gesetzt, so wie Staatsgründer David Ben-Gurion, der immer vom „Deutschland Adenauers und der Sozialdemokraten“ sprach. Und der glaubte, dass der junge, gefährdete Staat jede Unterstützung suchen müsse, die er bekommen konnte.

An den 12. Mai 1965 hat Shimon Stein, Ben-Natans aktueller Nachfolger, keine Erinnerungen. „Ich habe damals gar nicht zur Kenntnis genommen, dass die Beziehungen aufgenommen wurden, auch meine Eltern haben nicht darüber gesprochen“, sagt er. „Deutschland war bei uns zu Hause ein Tabuthema.“ Wie den Eltern Steins ging es vielen Israelis, denen es schwer fiel, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu akzeptieren. Der erste deutsche Botschafter, der im Krieg verwundete ehemalige Major der Wehrmacht Rolf Pauls, war bei seiner Ankunft dann auch von Steine werfenden Demonstranten empfangen – und mit Rosen verabschiedet worden, wie er später sagte.

Dabei war das nicht der erste offizielle Kontakt. Schon 1952 hatten beide Länder ein Wiedergutmachungsabkommen getroffen, welches Entschädigungszahlungen für Holocaustopfer vorsah und insgesamt 3,45 Milliarden Mark Eingliederungshilfe für aus Europa vertriebene Juden bereitstellte. Das Abkommen wurde auf der Rechten und in manchen linken Kreisen mit Empörung aufgenommen, Oppositionsführer Menachem Begin sprach von deutschem „Blutgeld". Die Beziehungen blieben distanziert.

Das änderte sich gegen Ende der 50er Jahre. „In Israel wollte man damals schon diplomatische Beziehungen", sagt Ben-Natan. Weil Ben-Gurion Vertrauen gefasst hatte in den Versöhnungswillen Adenauers. Doch inzwischen hatte Deutschland sich in das Korsett der Hallstein-Doktrin begeben, mit der die internationale Anerkennung der DDR verhindert werden sollte. Bei einer geheimen Botschafterkonferenz in Istanbul war 1956 beschlossen worden, keine diplomatischen Beziehungen zu Israel aufzunehmen, um zu verhindern, dass die arabischen Staaten ihrerseits die DDR anerkannten. Auch die Amerikaner wollten nicht, dass die Araber ganz ins sowjetische Lager abdrifteten. So nahm die deutsche Regierung die Zusage zurück, eine Handelsmission in Israel zu errichten, was zu erheblichen Turbulenzen führte.

Israel litt bis Anfang der 60er Jahre darunter, dass die Westmächte sich 1950 auf eine Begrenzung der Waffenlieferungen nach Nahost geeinigt hatten. Das benachteiligte Israel, da die arabischen Staaten zunehmend von der Sowjetunion aufgerüstet wurden. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass das erste Waffengeschäft zwischen Deutschland und Israel in umgekehrter Richtung verlief: Israel verkaufte Uzi-Maschinenpistolen an Deutschland. Wenige Jahre später, ab 1959, begann Deutschland im Geheimen Waffen an Israel zu liefern. Im Jahr darauf kam es zum ersten Treffen zwischen Ben-Gurion und Adenauer im Waldorf-Astoria Hotel in New York, bei dem sich beide darauf einigten, dass Deutschland Entwicklungshilfe an Israel zahlen würde – was zunächst geheim blieb. Diese Gelder, darauf legt Ben-Natan wert, zahlt Israel seit 1998 zurück.

Als Ludwig Erhard 1963 das Kanzleramt von Adenauer übernahm, steuerten die fragilen Kontakte auf eine ernste Krise zu. Das Auswärtige Amt und sein damaliger Minister Gerhard Schröder (CDU) lehnte die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen weiter ab – wie fast die gesamte FDP und Teile der CDU. Die israelische Öffentlichkeit war aber zunehmend darüber empört, dass sich deutsche Waffentechniker an der Entwicklung von ägyptischen Raketen beteiligten, die gegen Israel gerichtet waren. Und dann wurden auch noch Berichte über geheime Waffenlieferungen Deutschlands an Israel veröffentlicht, was wiederum die Araber aufbrachte – und eine offizielle Einladung Ägyptens an DDR-Staatschef Walter Ulbricht zur Folge hatte. Als Erhard schon vertraglich zugesagte Waffenlieferungen an Israel stoppen ließ, war der Schaden komplett. Erhard hatte sich heillos verheddert in einem Gewirr aus Hallstein-Doktrin, der Blockkonfrontation im Nahen Osten, Deutschlands Interessen im arabischen Raum und der moralisch gebotenenen Rücksicht auf Israel. Den Ausschlag gab dann eine USA-Reise Rainer Barzels, der Erhard berichtete, dass die zögerliche Haltung Deutschlands gegenüber Israel dem Ansehen der Bundesrepublik enorm schadete. In einer einsamen Entscheidung rang sich Erhard dazu durch, den Knoten zu zerschlagen und Israel volle diplomatische Beziehungen anzubieten.

Am 12. Mai 1965 überreichte Ben-Natan einem Vertreter von Bundespräsident Lübke sein Beglaubigungsschreiben., „Es gab keine Euphorie“, erinnert er sich, „schließlich war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen aus einer Krise entstanden“. Der gebürtige Wiener war kein Diplomat, bevor er nach Deutschland kam, sondern Generaldirektor im Verteidigungsministerium. Obwohl er wusste, „dass meine Worte hier und in Israel sehr genau registriert werden würden", war Ben-Natan bald für seine Offenheit bekannt. Einer Gesellschaft, die auch Mitte der 60er Jahre schon von Normalisierung und Schlussstrich redete, sagte Israels Botschafter Dinge, die sie nicht gerne hörte. „Ich habe von Anfang an gesagt, dass zwei Worte in meinem Vokabular fehlen, Vergessen und Verzeihen", sagt Ben-Natan. Solch ein Verbrechen wie der Holocaust könne gar nicht vergessen werden, und verzeihen könnten nur die Opfer selbst, nicht irgendjemand in ihrem Namen.

Das Leben in Deutschland war für die Familie sehr belastend. Ben-Natans Frau Erika hatte Mutter und Schwester im Holocaust verloren. Deshalb wollten sie ihre Kinder Miriam und Amnon nicht auf deutsche Schulen schicken. Auch die offiziellen Kontakte waren schwierig. Bevor sich Ben-Natan mit Politikern traf, ließ er deren Vergangenheit recherchieren. Manchmal sagte er Termine dann ab. Die Stimmung jener Tage lässt sich für Ben-Natan am ehesten an dem ablesen, was ihm Bundestagsabgeordnete aus ihren Wahlkreisen im Wahlkampf 1966 erzählten: Die immer wiederkehrende Frage, „wie lange müssen wir noch an die Juden zahlen“.

Mit der großen Koalition und dem Beginn der Studentenunruhen brach etwas auf in der deutschen Gesellschaft. Was mehr als alles andere die Einstellung zu Israel veränderte war aber der Sechs-Tage-Krieg. Als Ägypten mobil machte und sich mit Jordanien und Syrien ein Belagerungsring um Israel schloss, war die deutsche Bevölkerung alarmiert von der Vorstellung, die Juden in Israel könnten einen zweiten Holocaust erleben. „Deutsche aus allen Schichten und allen Generationen boten plötzlich meinem Land ihre Hilfe an", schreibt Ben-Natan in seinen Erinnerungen. „Tausende wandten sich an mich, viele junge Männer waren bereit, als Freiwillige in der israelischen Armee zu kämpfen, andere wollten Blut spenden oder während des Krieges israelische Kinder bei sich aufnehmen.“ Deutschlands Regierung beharrte zwar auf Neutralität. Außenminister Willy Brandt fügte aber hinzu, dass es keine „Neutralität des Herzens“ geben könne. Bonn ließ 20 000 Gasmasken nach Israel liefern, weil Ägypten schon im Krieg gegen Jemen Giftgas eingesetzt hatte.

Bis heute neigen die Deutschen zu Extremen in ihrem Verhältnis zu Israel. In der Zeit der Euphorie vor und nach dem siegreich bestandenen Krieg „war alles gut, was aus Israel kam“, sagt Ben-Natan. Manche Briefe an ihn feierten die militärische Überlegenheit der Israelis geradezu in Landser-Prosa. Als dann aber immer deutlicher wurde, dass der einstige David zum Goliath geworden war, schlug die Stimmung bei manchen wieder um. Es ist das Ergebnis einer seltsamen Dialektik, dass an den Universitäten viele Linke, die eine gründliche Aufarbeitung der Geschichte forderten, vehement antiisraelisch wurden, weil sie Israel nur noch als imperialistischen Stellvertreter des Westens in der Region verstanden. Ähnlich wurde das in der DDR gesehen, die nie offizielle Beziehungen zu Israel aufnahm und 1976 jeglichen Handel mit dem Land untersagte. Nach der Wende bat die Volkskammer die Israelis „um Verzeihung für Heuchelei und Feindseligkeit der DDR-Politik“.

Ben-Natans Vorträge an Universitäten wurden Ende der 60er immer häufiger von linken Störern behindert. In Frankfurt etwa, wo eine Gruppe jüdischer Studenten Israels Botschafter zu einem Vortrag einlud, weil sie sich zunehmend in der Defensive sahen. Als Ben-Natan das Mikrokabel durchgeschnitten wurde, schnappte er sich ein Megafon und machte weiter.

Diese Auswüchse der Studentenbewegung konnten aber einen gesellschaftlichen Trend nicht aufhalten: Je intensiver und schmerzhafter die deutsche Geschichtsaufarbeitung wurde, desto klarer wurde moralisch anerkannt, dass es sich bei den deutsch-israelischen Beziehungen um ein Sonderverhältnis handelt.

Deutsche Einstellungen zu Israel haben sich in den Jahren stark gewandelt. Als Ben-Natan nach Bonn kam, waren es vor allem die Sozialdemokraten und andere, die gegen die Nazis gekämpft hatten, die Israel positiv gegenüberstanden. In dem Maße, wie sich die europäische Linke mit den Palästinensern zu identifizieren begann, nahmen die Sympathien zu Israel ab. Heute sind es in Europa oft eher die Konservativen, die Verständnis für Israel aufbringen. Weil die Sowjets in den Zeiten der Blockkonfrontation auf Seiten der Araber standen. Weil Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten ist – und weil sie sich nicht mit der revolutionären PLO identifizieren konnten. Gerade in Deutschland ist ein gutes Verhältnis zu Israel und zu Juden zur Parteiräson der Union geworden, quasi als Läuterung von den negativen Seiten des Nationalismus.

Die deutsche Israel-Politik bewegte sich seit den Anfängen im Spannungsfeld von Moral- und Realpolitik. Das wurde besonders nach dem Jom-Kippur-Krieg und dem Ölboykott deutlich. Aus Angst vor den wirtschaftlichen Folgen näherten die Europäer sich der arabischen Seite an. Die Nahostpolitik wurde zum zentralen Thema der damals entstehenden gemeinsamen Außenpolitik der EG-Staaten. Gerade Deutschland sah sich gezwungen, auf israelfreundliche Positionen zu verzichten und der araberfreundlichen Politik Frankreichs entgegenzukommen.

Aber auch im bilateralen Verhältnis gab es oft Spannungen. Etwa 1981, als es im Gefolge eines umfangreichen Panzergeschäfts der Regierung Schmidt/Genscher mit Saudi-Arabien zu groben Ausfällen des israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin gegen Helmut Schmidt kam. Auch Helmut Kohls tolpatschige erste Staatsvisite in Israel 1984 und sein Besuch des Soldatenfriedhofs in Bitburg zusammen mit US-Präsident Ronald Reagan ein Jahr später markierten Tiefpunkte der Beziehungen. „Das Hauptproblem der Israelis mit Deutschland ist, dass die Beziehungen zu Deutschland von Erwartungen geprägt sind, die nicht immer in Erfüllung gehen, was zu Enttäuschungen führt“, sagt Shimon Stein, heute erster Mann Israels in Berlin.

Botschafter in Deutschland zu werden, war sein „Wunschposten“. Die letzten vier Jahre in Berlin waren aber alles andere als leicht. Stein musste die Politik der harten Hand verteidigen, mit der Ariel Scharon versuchte, die palästinensische Terror-Intifada einzudämmen. Und er wurde Zeuge einer Entwicklung in der deutschen Gesellschaft, die er als „Liebesentzug“ gegenüber Israel beschreibt. Seit die Lage wieder besser wird in Nahost hat Stein – der im Fernsehen stets ein wenig streng wirkt – wieder sichtlich Spaß an seiner Arbeit und hat seine Zeit in Deutschland auch verlängert. Er trifft sich gerne mit Politikern, Intellektuellen und Journalisten in italienischen Restaurants, um über deutsche Geschichtspolitik zu reden, ein Thema, das ihn wie kaum ein anderes umtreibt. Denn Stein misstraut dem Gerede von der „Normalisierung“. Die war stets ein Reizwort für alle Botschafter Israels. Weil sie dahinter das Bedürfnis der Deutschen witterten, sich der Bürde der Geschichte auch im Hinblick auf Israel zu entledigen. „Die Beziehung ist im Wandel“, sagt Stein, „weil die Hemmschwelle in Deutschland niedriger geworden ist, Israel zu kritisieren.“

Für Stein bleibt die Erinnerung die tragende Säule der Beziehungen. Aber da er weiß, dass die Bindungskraft der Geschichte mit zunehmendem Abstand zum Holocaust schwächer wird, sucht er nach neuen Säulen, die dem Verhältnis Halt geben können in Wirtschaft, Wissenschaft und in den Gesellschaften selbst. Fast 100 Städtepartnerschaften gibt es inzwischen, einen mit 160 Millionen Euro ausgestatteten deutsch-israelischen Wissenschaftsfond, enge Kooperationen von Hochschulen und einen nach den Terror-Jahren wieder zunehmenden Jugendaustausch, der inzwischen 500 000 junge Deutsche und Israelis ins jeweils andere Land brachte. Deutschland ist nach den USA Israels wichtigster Handelspartner. Und in keinem anderen Land werden so viele israelische Schriftsteller übersetzt wie hier. Gegenüber dem Menschheitsverbrechen der Shoa nehmen sich all diese Erfolge bescheiden aus. Gemessen an dem, was vor 40 Jahren möglich schien, ist es, da sind sich der erste und der amtierende Botschafter einig: ein Wunder.

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