Kultur : Vorwiegend festkochend

„Von allen guten Geistern verlassen“: Neustart im Berliner Hansa-Theater

Jörg Königsdorf

Es gab eine Zeit, da gehörten Kartoffeln auf jeden Berliner Mittagstisch. Am liebsten die festkochenden der Sorte Hansa. Damals gingen die Menschen, die mittags ihre Kartoffeln aßen, abends gerne aus, um sich zu amüsieren und fanden es lustig, wenn ein Theater denselben Namen hatte wie ihre Lieblingskartoffelsorte. Mit Schwänken und hemmungslos berlinernden Volksstücken als kultureller Sättigungsbeilage. Heute weiß die Mehrheit der Berliner vermutlich nur noch, dass ihre Pommes aus Kartoffeln gemacht werden und geht sowieso lieber ins Kino. Kein Wunder, dass das Theater immer öfter leer blieb und das Wahrzeichen des Hauses, die kess ihren Zylinder schwenkende Kartoffel, immer weniger Leute anzog. Letztes Jahr machte das Hansa Theater dicht, nachdem der Senat schon länger den Geldhahn für die Moabiter Bühne abgedreht hatte.

Jetzt ist das Theater wieder da, und zuallererst haben die neuen Macher die Kartoffel eingestampft: Auf den Karten und Programmheften prangt jetzt nur noch ein nüchterner Schriftzug. „HT 21“ – das klingt zwar ein bisschen nach Kondommarke oder Hautcreme, aber wenigstens modern. Denn „modernes Metropolentheater“ soll ab jetzt in dem Jahrhundertwende-Bau stattfinden, so steht’s im Eröffnungsmanifest der neuen Direktoren Sven-Eric Archut und Christian Alexander Schnell, „anspruchsvolle Unterhaltung“, nur mit Ur- und Erstaufführungen. Theater für urbane Nichtkartoffelesser, die sich abends amüsieren und vor allem Stars sehen wollen: Im Oktober wird hier die "Wa(h)re Liebe"-Ikone Lilo Wanders ein Evelyn-Künneke-Programm spielen, für November ist die Uraufführung eines Stücks von Berlins Boulevardtheater-Urgestein Curth Flatow angekündigt, und schon nächste Woche schaut Senta Berger für zwei Lesungen vorbei.

Das klingt nicht schlecht, und auch die von Schnell persönlich in Szene gesetzte Eröffnungsproduktion „Von allen guten Geistern verlassen“ gibt sich ambitioniert: Der 37-jährige Daniel Call, Autor des Dreiakters, galt Ende der Neunzigerjahre als Shooting Star des deutschen Theaters, als Hoffnung des gehobenen Boulevards. Sissi Perlinger, das Zugpferd der Besetzungsliste, steht als vielfach preisgekrönte Charakterkomödiantin ihrerseits für eben die Unterhaltung mit Tiefgang, mit der das Publikum nach Moabit gelockt werden soll.

Und Perlinger legt sich wirklich mächtig ins Zeug, spielt das Mauerblümchen Nora Bemel, das unter seiner dominanten Mutter leidet, mit Ganzkörpereinsatz, dreht und windet sich, um aus dem verklemmten Heimchen die nötige Glaubwürdigkeit herauszuwringen. Einfach ist das nicht, denn die Handlung ist, selbst für’s Komödiengenre, ziemlich abstrus: Zu ihrem 40. Geburtstag bekommt Nora nicht nur Besuch von ihrer Mutter, einer alten Theaterdiva (Maria Mallé), sondern wird von ihrem Schwiegervater, einem verrückten Erfinder (Andreas Mannkopf), auch noch mit einem „Körpertauschomat“ beschenkt, der bald dafür sorgt, dass seltsame Veränderungen vor sich gehen: Noras Seele wandert in den Körper ihrer Mutter, ihr trantütiger Mann Justus (Urban Luig) tauscht sein Äußeres mit deren französischem Verehrer Jacques de la Semaine (Heinz Behrens). Das führt natürlich zu allerlei ulkigen Verwechslungen und, weil deutsche Komödien ohne Seelengründelei nicht auskommen, zur kathartischen Selbsterkenntnis aller Beteiligten inklusive Versöhnung von Mutter und Tochter.

Die wirkungsvollen, von Perlinger und Mallé mit Volkstheater-Volldampf herausgespielten Zickereien halten sich dabei etwa die Waage mit der Pein des meist holterdipolter herbeigezwungenen Tiefgangs. Schlimmer ist allerdings, dass „Von allen guten Geistern verlassen“ durchgängig so tönt, als sei es schon vor 50 Jahren geschrieben worden: Zutaten wie der lüsterne französische Hausfreund, der sich an den Netzstrümpfen der alten Diva hochknutscht, und der trottelige Ehemann, der gegen geschlossene Türen rennt, sind eigentlich längst in die Theaterrumpelkammer verbannt.

Aber wer weiß: Vielleicht ist Call selbst bloß das Opfer seines „Körpertauschomats“" geworden. Und der Geist der lachenden Kartoffel ist in ihn gefahren.

Noch bis zum 29. September

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