Kultur : Vulkanisch

Das BSO mit Eliahu Inbal spielt Strawinskys „Sacre“

Sybill Mahlke

Das Berliner Sinfonie-Orchester feiert den herbstlichen Kulturauftrieb mit drei seiner Dirigenten, die Intendant Frank Schneider auf dem traditionellen Empfang zur Spielzeiteröffnung bewundernd begrüßt: Kurt Sanderling, der Ehrendirigent, und Michael Gielen, der Erste Gastdirigent, mischen sich im Konzerthaus unter die Zuhörer, während Chefdirigent Eliahu Inbal den Takt angibt. Heikel, wie der Saisonstart – trotz zweier Einspielkonzerte in Spanien – nicht selten gerät, klingt die schmissig begonnene „Karneval“-Ouvertüre von Dvorák noch probebedürftig. Da Inbal in Paris Schüler von Messiaen war, nimmt er sich auch gern der ferner liegenden Klangwelten des Meisters an: „Oiseaux exotiques“ für Klavier und Orchester mit der Virtuosin Momo Kodama in der Partie, die einst Yvonne Loriod gespielt hat, ist Fünfziger-Jahre-Musik. Es scheint, als fehle den kontrapunktisch geführten Vogelstimmen noch die Beseelung, die „Saint François d’Assise“ ihnen später eingehaucht hat.

Strawinskys „Sacre du printemps“ hingegen altert nicht. Jung und unerhört bricht die Ballettmusik von 1912 auf das 21. Jahrhundert herein und bewahrt ihren vulkanischen Zauber. Das singende, träumende Fagott Rainer Lufts eröffnet faszinierend eine Orchesterleistung, die dem sakralen Opfertanz aus dem heidnischen Russland den Glanz der Gegenwart gibt. Dass der Ausdruck des Primitiven bei Strawinsky ein hochgeistiger ist, entspricht der Interpretation. Denn Inbal versteht sich darauf, die stampfenden Rhythmen und donnernden Schläge mit feiner Luzidität zu versehen.

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