Kultur : Vulkanös

Der Sopranistin Martha Mödl zum 100.

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Foto: Archiv Helmut Vetter, dapd
Foto: Archiv Helmut Vetter, dapdFoto: dapd

Eine 100-jährige Martha Mödl stellt man sich gerne vor: Noch ein bisschen kleiner wäre sie gewiss als 2001, als sie das letzte Mal an der Komischen Oper in Mussorgskys „Boris Godunow“ zu erleben war, noch liebenswürdiger und gewitzter, noch ein bisschen verhuschter auch (wie nur Frauen ihrer Generation verhuscht sein konnten, ohne an Präsenz zu verlieren) – und doch nach wie vor mit einem weiten Herzen in die Welt blickend. Die Mödl liebte es, im Restaurant des Savoy an der Charlottenburger Fasanenstraße am Fenster zu sitzen und zu schauen, einfach nur zu schauen. Sie liebte es, weil sie, die sinnlichste der großen Wagner-Heldinnen der fünfziger und sechziger Jahre, gerne Zuschauerin war und still für sich. Und sie liebte es, weil sie sich mit 80 Jahren die Augen hatte operieren lassen und fortan tatsächlich etwas sah. Ihr langes legendäres Bühnenleben zwischen Hamburg, Mailand, Wien, New York und Bayreuth hatte sie demnach nahezu blind verbracht (Kontaktlinsen vertrug sie nicht, Brillen verboten sich) – sicher auch eine Erklärung für die verzehrende Intensität, mit der sie sich in ihre Rollen stürzte.

Der Sopran der Mödl hatte etwas Vulkanöses: Gewaltiger schien er zu sein, lodernder, elementarer als der ihrer unmittelbaren Gefährtinnen und Konkurrentinen Birgit Nilsson und Astrid Varnay. Stand die Nilsson im Ruf, so perfekt wie „kalt“ zu sein, galt die Varnay als Inbegriff der unanfechtbaren Heroine. Martha Mödl hingegen war anfechtbar: Technisch sowieso, da die gebürtige Nürnbergerin aufgrund der Kriegs- und Nachkriegswirren keine richtige Gesangsausbildung genossen hatte, und stimmlich bald auch. Die leidenschaftliche Verausgabung auf der Bühne hatte ihren Preis, Mitte der sechziger Jahre wechselte sie, die als Mezzo begonnen hatte, zurück ins Charakterfach. Trotzdem: Mödls Isolden und Brünnhilden waren Ereignisse, gerade aus der Gefährdung heraus. Diese Darstellerin war sich ihrer selbst nie sicher, sie sang buchstäblich um ihr Leben – und durchlitt alle dramatischen Höhen und Tiefen, als wären es ihre eigenen.

Neu zu erfahren ist das jetzt auf einer Doppel-CD mit Werken von Wagner, Strauss, Fortner, Aribert Reimann und Tschaikowsky (Profil Hänssler). Aufnahmetechnisch mögen diese Trouvaillen bisweilen an der Grenze des Zumutbaren siedeln (wie die „Tristan“-Ausschnitte unter Joseph Keilberth aus München 1958 oder Brünnhildes Schlussgesang in einer französischen Aufnahme von 1957); mit etwas Abstraktionsvermögen und Hingabe aber entdeckt man hier das Unerhörte: Dass der Mensch, frei nach Schiller, nur da ganz Mensch ist, wo er singt. Martha Mödl, die heute 100 Jahre alt geworden wäre, starb am 17. Dezember 2001 und stand fast bis zum Schluss auf der Bühne. Warum? Die Antwort ist typisch: „Wissen’s, ich hab doch nix anderes gelernt.“ Christine Lemke-Matwey

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