Kultur : Vytautas Stanionis: Gebrauchsfotografie mit dokumentarischem Mehrwert

Aureliana Sorrento

Der Bus wird gleich abbiegen und die Anhöhe hinauf zur Kirche fahren. Neben dem Holzmast, an dem die Stromleitung hängt, schickt sich eine Frau an, einen Schritt vorwärts zu machen. Links tritt ein Passant aus dem Bild. Ein Augenblick, labil wie der Pfahl, um den sich alles dreht. Die Straße "In Vilkija" (1100 Mark), 1958, gehört wahrscheinlich zu jenen, die Vytautas Stanionis unabhängig von seinem Auftrag fotografierte; normalerweise war der Pressefotograf angewiesen, bedeutsame Momente des sowjetischen Lebens in Litauen festzuhalten.

1940 wurde Litauen von den Sowjets besetzt und die Bevölkerung nach Sibirien deportiert. Ungefähr zur selben Zeit fing der 1917 in Kaunas geborene Stanionis an zu fotografieren. Er wurde bald von einer Lokalzeitung als Pressefotograf angeheuert und arbeitete schließlich für mehrere litauische Blätter. Als er 1959 bei der ersten Fotografie-Ausstellung in seinem Land ausgezeichnet wurde, galt er als Großmeister der litauischen Fotokunst. Doch nach seinem Tod 1966 geriet sein Name, im Westen ohnehin unbekannt, in Vergessenheit. Jetzt hat Stanionis Sohn die Arbeiten des Vaters aus dem Nachlass herausgeholt, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Durch die Vermittlung der Kuratorin Margarita Paskeviciute erreichte eine Auswahl von Aufnahmen, die zwischen 1945 und 1959 entstanden sind, die Galerie Giedre Bartelt.

Gebrauchsfotografie mit dokumentarischem Mehrwert - so könnte man nach dem ersten Blick auf die Ausstellung resümieren, zumindest für den Teil, der "offizielle" Arbeiten Stationis versammelt: "Demonstration", "Festspiele der Jugend" und wieder "Demonstration". Der Pressefotograf hielt sich an traditionelle Kompositionsmuster, doch sein Blick verrät mehr als sein fotografisches Handwerk: "Volksverteidiger" für das deutsche Publikum als "Helfer der Sowjets" (1200 Mark) übersetzt, wurden offiziell jene Kollaborateure genannt, die den Besatzern wahre und vermeintliche Partisanen auslieferten. Stanionis hat sie auf einer Straße als Gruppe porträtiert, Galgenvögel auf Motorrad, Rabauken in Paletot. Auf der "Demonstration" (900 Mark), zu der niemand gerne hinging, tragen zwei adrette Mädchen ein blumenumrahmtes Stalinporträt in den Armen und sehen so aus, als müssten sie den Kiefer zusammenpressen, damit er vor Lachen nicht birst. Dahinter blicken andere Demonstranten so ernst drein, daß der Maiden unterdrückte Heiterkeit ansteckt, und der Betrachter sich kaum ein Lächeln verkneifen kann. Bei der Passfoto-Serie "Einwohner von Seirijai" (je 600 Mark) ist es nicht die Ironie, die zum genauen Betrachten reizt. 1946 sollten die Einwohner der Kleinstadt Seirijai amtlich registriert werden. Man brauchte Passfotos für die Urkunden, aber es fehlte an Filmmaterial. Aus Sparzwang lichtete Stanionis mehrere Personen zusammen ab und schnitt sie nachträglich auseinander. Jetzt sind sie in der Galerie noch einmal beisammen zu sehen: verhärmte, hagere, trübe Antlitze vor weißen Bettlaken. In der Reihung nimmt man sie als Einzelne wahr, Einsame.

Einige Bilder kann man sich schwer als Pressefotos für sowjetische Organe vorstellen. "Auf dem Marktplatz" (1100 Mark), aus der Vogelperspektive aufgenommen, ist eins der am häufigsten reproduzierten Werke der litauischen Fotografie. In einem Meer von Kopfstein schwimmen dunkle, verstreute Däumlinge. Der Marktplatz ist fast leer. Nur in der oberen Bildmitte ruhen Pferde an einem vorsintflutlichen Holzkarren, während von unten ein Polizist und sein Sozius in die Mitte des Bildes drängen. Mit solchen Darstellungen erzählte Stanionis die alltäglichen Dramen seiner Zeit. In "Überschwemmung der Memel" (1100 Mark) spielt eine Babuschka die große Tragödin. Sie zeigt uns den Rücken, ihr schwarz umhüllter Körper nimmt von oben bis unten den rechten Bildrand ein. Vor ihr sieht man Katen im Wasser schwimmen, bis zum Horizont ist das Land überflutet. Das stumme Klagelied seiner Landsleute hätte der Fotograf nicht deutlicher abbilden können.

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