Kultur : Wach, weise, wetterfest

Dieses Jahr wird der Bildhauer Jo Jastram 80. Die Galerie „raum5“ feiert ihn mit einer Retrospektive

Thea Herold

Für das Leben gibt’s keine Routenplaner. So bleibt das Auffinden der wichtigsten Wegmarken oft eine fummelige Geschichte – selbst im Rückblick. Vor ein paar Tagen lag im Atelier des Mecklenburger Bildhauers Jo Jastram eine Art gezeichneter Lebensweg aus. Eine viele Meter lange Reihe aus Bleistiftzeichnungen, Kohleblättern, Skizzen und Radierungen.

Momentaufnahmen, die der Künstler auf seinen Reisen und oft in kürzester Zeit zu Papier gebracht hat: „Es musste ja fix gehen, doch diese Zeichnungen sind unersetzbar. Das sind später meine Querungshilfen auf dem Weg zur Figur“, meint Jastram. Was sonst wohl verwahrt in Mappen ruht, auf Stapeln liegt oder im Schrank auf weitere Verwendung wartet, durfte für diesen Tag Blatt für Blatt aufeinander folgen. Dass es sich dabei bereits um sorgsam ausgewählte Blätter für den Atelierbesuch des Galeristen handelte, machte die Sichtung nicht eben leichter.

Klarer schien die Sache bei den Plastiken. In der Berliner Galerie „raum5“, die Jastram seit gestern zum 80. Geburtstag mit einer großen Retrospektive ehrt, wird es diesmal eng. Schließlich kommt für seine Ausstellung, der zweiten Einzelschau in der Galerie, aus jeder Werkgruppe ein Beispiel mit. Von den Pferden der wälzende Wallach, immer noch unbändig wie im Entstehungsjahr 1971. Für die berühmten Segel, Boote und Floße steht das fragile, feingliedrige „Wohnboot“ (1997). Die schöne Bronze zeigt eine kleine, aber so rätselhaft raumgreifende Szene, dass sie in ihrer narrativen Symbolik der Auftakt eines ganzen Buches zum Thema „Mensch, sitz nieder, sammle dein Sein“ sein könnte.

Die Ausstellung gibt Einblick in alle Jahrzehnte, und doch wird Jastrams komplettes Figurenensemble in seiner poetischen Vielfalt erst voll erkennbar, wenn man die kleineren Bronzen in seinem Atelierhaus in Kneese ausnahmsweise auf einen Blick sehen darf. Die großen Jastram-Berühmtheiten stehen als Außenskulpturen in Dresden, in Leipzig, in Rostock oder in Addis Abeba.

Seine mongolische Figurine ist allerdings nach Berlin gekommen. So würdig und stolz, verspielt und energisch. Dahinter die legendären Stege mit den afrikanischen Reisenden auf ihren langen Wegen. Ganz hinten residiert als Standbild die neue, hohe Frauenskulptur der Speertänzerin. Jastrams Figuren sitzen, schreiten oder gehen bei genauer Ansicht oft in einem Respekt gebietenden Balanceakt. Sie sind gehimmelt und geerdet, beides im selben Moment. Der Bildhauer platziert sie virtuos auf schwankenden Planken, seltsamen Rädern, schmalen Stangen und nutzte den leeren Raum dazwischen für Energie anreichernde Aufladung. Aus der Bewunderung des Bildhauers für Meister wie Giacometti oder Germaine Richier macht er gar kein Hehl. Dass er jedoch seinen eigenen Weg in der Figuration gefunden hat, steht ebenso außer Frage.

„Natürlich geht es mir um das alte Thema von Energie und Kraft, um die Kunst der glücklichen Anstrengung und gleichzeitig um unsere Zerbrechlichkeit.“ Um den Wunsch, das Gleichgewicht zu halten oder zu finden. „Und was heißt denn schon Balance? Nennen wir es mal eine möglichst günstige Verteilung der Kräfte der Existenz …“, meint Jastram, der selbst in ständiger Bewegung ist. Seine Augen sind wie seine Figuren: wach, weise, wetterfest. Sie bestimmen das offene Gesicht des Mannes, das noch immer von vollem weißen Haar und Bart umrahmt wird.

„Unterwegssein war immer mein Lebensthema. Denn was stellen wir denn als Bildhauer dar? Nichts anderes als diese dünne, empfindliche Membran, die den Innenraum von Außenraum abgrenzt. Die Energie von innen muss freilich stimmen. Deshalb geht es ja auch um das echte, um ein wahres Interesse“, meint Jastram und weist auf eine unvollendete Plastik. „Hier, bei der neuen Werkgruppe ,Der Zirkus kommt’, setze ich die Frau auf ein Rad. Sie ist in der Schwebe, ohne dass ich sie größer machen muss. Und der Mann, dieser Lulatsch auf Stelzen, trägt einen Rahmen vor sich her. Da stellt sich die Frage: Bleiben wir immer in unserem Rahmen? Und füllen wir ihn gut?“

Schon jetzt, am Gipsmodell, erkennt man die gestalterische Kunst, die kraftvolle „Pfote“, dank der dieser erfahrene Bildhauer die erprobten Konstruktionsgesetze beim Modellieren einsetzt. Mit einer noch immer fast archaischen Kraft nutzt er die klare Geometrie von Rad, Quadrat, Säule und entgeht dabei doch jeder Wiederholung. Diesmal wird es ein symbolischer Balanceakt in der Vertikalen. Doch vielleicht geht es auch um den Rummel, im Leben, in der Politik und in der Kunst. Mitten ins Feld aller Fragen.

Wenn man sich heute mit dem Reisen oder Unterwegssein beschäftigt, dann geht es häufig nur um geografische Strategien, billige Reiserouten, noch höhere Geschwindigkeiten oder um Probleme der Globalisierung. Jastram geht zurück auf die immer gültigen, unmodernen, hintersinnigen, auch biblischen Motive. Auf Hiob und Jakob. Oder die Frage, ob der Weg, den man zurücklegt, einen tieferen Sinn hat und man ihn erkennt.

Wer ihn fragt, wann die neue Plastik fertig sein soll, dem wird keine feste Zeit genannt. Jastram hat kein Zielprognose: „Ich arbeite schon recht ordentlich dran. Aber ich bin eben auch ein Umstandskasten. Und so dauert es halt.“

„Raum5“, Torstraße 173; bis 19. April, Dienstag bis Samstag von 12-18 Uhr.

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