Kultur : Wachablösung im Olymp

Der Anglist Klaus Reichert ist neuer Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

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Sechs Jahre und zwei Amtszeiten lang stand der Münchner Althistoriker Christian Meier an der Spitze der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Eine dritte Amtszeit wollte der 73Jährige nicht mehr annehmen. Sein Nachfolger hat nun ähnliches Format – wenn er auch einen anderen Typus repräsentiert. Auf ihrer Jahrestagung wählte die Darmstädter Akademie gestern den Frankfurter Anglisten und Amerikanisten Klaus Reichert, 64-jährig, den bisherigen Vize, zu ihrem neuen Präsidenten. Christian Meier ist ein wacher politischer Kopf, dessen denkerische Spannweite der Titel seines jüngsten Buches „Von Athen bis Auschwitz“ (erschienen im C.H. Beck Verlag) exemplarisch ausdrückt. Klaus Reichert repräsentiert auch den Ästheten und ist – anders als der in wissenschaftlicher Prosa brillierende Meier – zugleich ein Dichter. Im Salzburger Jung und Jung Verlag ist vor einem Jahr sein jüngster Lyrikband „Wär ich ein Seeheld“ erschienen. Dennoch dominiert bei dem Philologen aus Frankfurt die Literaturwisseschaft.

Als Herausgeber und Übersetzer, der seit 1975 seine Professur an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universitär innehat, ist er nicht nur bei Shakespeare oder Lewis Carroll zu Hause – er ist auch ein Verfechter der Hochmoderne. Reichert gibt unter anderem die Werke von James Joyce und Virginia Woolf heraus, und er hat die amerikanischen Lyriker Charles Olson und Robert Creeley in Deutschland eingeführt. Als Direktor des Zentrums zur Erforschung der Frühen Neuzeit, das sich fachübergreifenden Projekten widmet, fühlt er sich wiederum in der Renaissance beheimatet.

Aber – was sind für einen sprachvernarrten Mann wie Klaus Reichert schon Epochen? Ob „Der fremde Shakespeare“ ihn herausfordert, wie ein Essayband in der Edition Akzente heißt, oder „Das Hohelied Salomos“ (im Residenz Verlag) ihn zu einer Neuübertragung reizt: Gegenwart ist eben eine Frage der Perspektive.

Reichert hat in Gießen das humanistische Gymnasium besucht und anschließend Philosophie und Sprachen studiert. Er begann seine berufliche Laufbahn Ende der sechziger Jahre als Lektor bei Suhrkamp und Insel, wo er unter anderem Paul Celan und Marie-Luise Kaschnitz betreute. Seine akademische Karriere verfolgte er zunächst in Konstanz und Bielefeld. Wohin die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung unter seiner Ägide steuert, muss sich zeigen. Aber dass er, der Amerikanist, den übergroßen Einfluss des Englischen auf die deutsche Sprache zurückdrängen will, hat er schon erklärt.

Aus dem Munde eines Mannes, der auch die transatlantische Kultur kennt, könnte das eine wirklich spannende Sache werden. dotz

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