Kultur : Wachablösung

S.Fischer Verlag: Monika Schoeller übergibt die Leitung an Jörg Bong

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Es ist ein Abschied in Ehren, ganz ohne die Diadochenkämpfe, die andere große Verlage erleben mussten. Über ein Vierteljahrhundert, seit 1974, hat Monika Schoeller die Geschicke des Frankfurter S.Fischer Verlags souverän bestimmt. Ab 1.Oktober übernimmt Jörg Bong, 36, die Programmgeschäftsführung. Schoeller zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück und gehört der Verlagsleitung künftig ressortfrei an. Peter Lohmann, 52, seit 1997 verlegerischer Geschäftsführer des Scherz Verlags in Bern, regiert über den Publikumsverlag Krüger, über Argon und das Fischer Taschenbuch.

Die Notwendigkeit, Verlagsstrukturen in schwierigen Branchenzeiten zu modernisieren, betrifft inzwischen selbst so renommierte Häuser wie S.Fischer (mit Backlist-Autoren wie Franz Kafka und Thomas Mann). Erst kürzlich hatte Rowohlt in Hamburg mit Alexander Fest als Verleger den Aufbruch in eine neue Zeit signalisiert; auch S.Fischer stellt nun die Weichen für die Zukunft.

Ungewiss ist noch das Schicksal von Scherz. Der Schweizer Standort soll zugunsten der Frankfurter Verlagszentrale fast vollkommen aufgegeben werden. Auch über die Ausrichtung von Argon in Berlin und von Krüger wird nachgedacht.

Mit dem freundlich-quirligen Jörg Bong gelangt die jüngere Generation an die Verlagsspitze. Bong gilt als sattelfester Literaturwissenschaftler und sorgfältiger Lektor im Umgang mit Autoren, der zugleich die Bedürfnisse des Marktes kennt. Da er seit zwei Jahren das deutschsprachige Programm leitet, weiß er, dass er die Reputation von S.Fischer nur wahren kann, wenn er die heiligen Bezirke der deutschen Literatur schützt. Und so will er das Engagement für Kafka, Mann oder Arthur Schnitzler „vollkommen resolut“ fortsetzen, zugleich aber die Entwicklung eines zeitgenössischen Profils vorantreiben. Zu Bongs Verdiensten gehört es, Marlene Streeruwitz, Robert Gernhardt, Rainer Merkel oder Henning Ahrens für den Verlag gewonnen zu haben. Seine bisherige Position übernimmt Oliver Vogel. Die fremdsprachige Literatur betreut weiterhin Hans-Jürgen Balmes.

Zwei Trümpfe für das Frühjahr: Von dem Kanadier Yann Martel, der in diesem Wintersemester die S. Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin innehat, erscheint im Februar der Roman „Schiffbruch mit Tiger“, ein Titel, auf den der Verlag größte Hoffnungen setzt. Zum anderen wird es – endlich – neue Erzählungen von Judith Hermann („Sommerhaus, später“) geben. Tsp

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