Kultur : Wachsen oder sterben

Tropen, Blumenbar: Wie die unabhängigen Verlage ihre Zukunft gestalten

Gerrit Bartels

Es war eine gelungene Überraschung, als vergangene Woche gemeldet wurde, dass die beiden Berliner Tropen-Verleger Michael Zöllner und Tom Kraushaar ab sofort als Minderheitengesellschafter die verlegerischen Geschäfte des Stuttgarter Klett-Cotta-Verlags leiten und Tropen als Klett-Cotta-Imprint weiterführen würden. Hier der kleine, feine Independent-Verlag Tropen, der von Zöllner 1996 in Köln gegründet wurde, seit drei Jahren in Berlin beheimatet ist und Bücher von Jonathan Lethem, Ignacio Padilla und Camille de Toledo genauso verlegt wie Fachliteratur für Skater und Snowboarder. Und dort der altehrwürdige, mittelständische, mitunter etwas behäbig und leicht verschlafen wirkende zum Klett-Verlagsimperium (Schulbücher, medizinische Fachliteratur und vieles mehr) gehörende Verlag Klett-Cotta, der Ernst Jünger und Gottfried Benn in seiner Backlist hat und sich mit Autoren wie William Gibson, Hallgrímur Helgason oder zuletzt Mark Danielewski leider nicht immer erfolgreich um zeitgenössischen Anschluss bemüht.

Vielleicht prallen da wirklich demnächst zwei Welten gezielt aufeinander, können „zwei junge und kreative Verleger neue Impulse für ein klassisch fundiertes Programm setzen“, wie das Philipp Haußmann, Vorstandsmitglied der Ernst Klett AG und Geschäftsführer des Klett-Cotta Verlages formuliert hat. Trotzdem ist es keineswegs so, dass Kraushaar und Zöllner nun die hippen Szeneverleger sind, die von einem plötzlich risikobereiten Familien- und Traditionsunternehmen ins Haus geholt wurden. Dafür war das Belletristik- und Sachbuch-Programm von Tropen viel zu ausgewogen, hätte man sich dieses größtenteils auch in anderen, etablierteren Verlagen vorstellen können. Dafür hat Tom Kraushaar ganz klassisch das Verlagsgeschäft zuerst bei Suhrkamp und später bei Rowohlt gelernt, und dafür gehen beide ihre neue Aufgabe besonnen professionell an und schwärmen zum Beispiel von der „Offenheit“ ihrer neuen, fast vierzig Menschen zählenden Mitarbeiter.

Kraushaar spricht von „einer neuen Programmordnung, einer neuen Programmstruktur“, die er und Zöllner dem neuen Verlagsgebilde Klett-Cotta/Tropen geben wollen. Und auch davon, „die Marke Tropen“ in diesem Gebilde „stärken“ und wachsen lassen zu können. „Streng programmatisch trennen“ wolle man beide Labels, so Kraushaar. Ein Jonathan Lethem oder ein Massimo Carlotto sollen bei Tropen bleiben, Brigitte Kronauer bei Klett-Cotta. Aber einen Cyber-Autor wie William Gibson könne er sich natürlich gut bei Tropen vorstellen.

Nun demonstriert der Wechsel von Kraushaar und Zöllner zu Klett-Cotta darüberhinaus, dass die Szene der kleinen, unabhängigen Verlage stark in Bewegung geraten ist. Nicht zuletzt die gemeinsamen Anstrengungen, etwa eine große Verlagsinsel auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig zu bilden oder eine eigene Messezeitung herauszubringen, trägt erste Früchte innerhalb der etablierten Verlagsbranche. Zumal, wie es Daniela Seel von kookbooks einmal gesagt hat, die meisten der jungen, unabhängigen Verlage „von der Haltung her Publikumsverlage und keine Special-interest-Verlage sind“.

Zeitgleich mit der Klett-Cotta/Tropen-Fusion hat der in München ansässige Blumenbar Verlag ebenfalls Veränderungen angekündigt. Bei dem von Wolfgang Farkas und Lars Berken-Bertsch vor fünf Jahren gegründeten Verlag steigt demnächst ein Anwalt und Unternehmer als Investor und Minderheitenbeteiligter mit ein. „Growing or dying“ nennt Wolfgang Farkas das, im Rückblick auf die Schwierigkeiten als kleiner Verlag in den vergangenen Jahren. In diesen sei nur das monateweise Überleben möglich gewesen, so Farkas, hätten Erfolgstitel wie Tony Parsons „Als wir unsterblich waren“ oder PeterLichts „Buch vom Ende des Kapitalismus“ eine maximale Auflage von 7000 erreicht, Man sei von nun an in der Lage, die jährliche Titelzahl von bislang sieben sukzessive zu verdoppeln. „Wir verstehen das auch als Abgrenzung zu der Tropen-Geschichte. Wir wollen unseren Verlag weiterentwickeln und dabei unsere Unabhängigkeit bewahren“.

Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag in Berlin wiederum begrüßt beide Modelle und schaut darauf sogar mit einem gewissen Neid, wie er zugibt. Anfragen größerer Verlage gäbe es gerade keine, für ihn ist jedoch immerhin offensichtlich, dass der Verbrecher Verlag „schon seit fünf Jahren der nächste Geheimtipp“ sei. Sundermeier sieht sich ähnlich wie der inzwischen ebenfalls in Berlin ansässige Matthes & Seitz Verlag „auf dem Sprung ins untere Mittelfeld der Verlage“, von der Größenordnung her, und er glaubt, dem inzwischen seit 40 Jahren unabhängigen Wagenbach Verlag erfolgreich nacheifern zu können. Andererseits weiß Sundermeier auch: „Aus unserem Kreis suchen inzwischen mehr oder weniger alle einen Investor.“

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