Kultur : Wählen Arbeitslose rechtsradikal?

BENJAMIN ZIEMANN

Mit einer beruhigenden, damals jedoch noch mutigen Prognose hat im Jahre 1956 der Schweizer Publizist Fritz René Allemann die Erfolgsgeschichte des bundesrepublikanischen Staates zusammengefaßt: "Bonn ist nicht Weimar".Die Formel wurde berühmt, ist später zur "Binsenwahrheit" geronnen, dennoch hat sie lange Zeit in kaum einer Festrede gefehlt.Wie der Zauberspruch eines Wunderheilers bannte sie die Urängste von Politikern, zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit könne den Deutschen der Versuch einer Demokratiegründung mißlingen.Diese optimistische Einschätzung der Dauerhaftigkeit republikanischer Stabilität ist in den letzten Jahren einer tiefgreifenden Ernüchterung gewichen.Wirtschaftskrise, Parteienverdrossenheit, Jugendgewalt und Arbeitslosigkeit summieren sich in den Augen einer wachsenden Zahl von Beobachtern zur grundlegenden Bedrohung des Gemeinwesens.Vor allem anderen wurde gerade die Massenarbeitslosigkeit zum Menetekel der Krise.Sie nährt Befürchtungen, die sich auf leicht verfügbare historische Analogien stützen.Reichen wir mit über vier Millionen Erwerbslosen nicht wieder an die Zahlen der frühen dreißiger Jahre heran? Sind es nicht gerade die Arbeitslosen gewesen, welche die NSDAP wählten und zur Massenbewegung machten? Das Wahlergebnis der DVU in Sachsen-Anhalt scheint den Rechtsextremismus der Arbeitslosen erneut zu bestätigen.

Die Bekanntgabe der Nürnberger Zahlen wird auf diese Weise zum Pegelstandsmesser der politischen Kultur.Im monatlichen Rhythmus wachsen die bangen Fragen und Warnungen, von der Sorge getrieben, daß Bonn womöglich doch noch Weimar werden könne.Redliche Absichten, gerade in den nervösen Zeiten vor einer Bundestagswahl, leiten solche Überlegungen.Wehret den Anfängen! heißt es, laßt uns aus der Geschichte lernen.Nicht noch einmal soll massenhafte Arbeitslosigkeit zum Sprengstoff des parlamentarischen Systems werden.Und dennoch gehen solch analogische Beschwörungen fehl, für gestern wie heute.

In den frühen dreißiger Jahren boomte vor allem eines: die Sozialreportage, die das Elend und die Verzweiflung der Arbeitslosen und ihrer Familien, völlig stillgelegte Städte und Landstriche in plastischen Schilderungen einfing.Der kommunistische Schriftsteller Alexander Graf Stenbock-Fermor bereiste 1931 "Deutschland von unten".Laubenkolonien im Norden Berlins, in die man sich vor der unbezahlbaren Miete flüchtete: Primitive, kaum mannshohe Holzhütten.Unterbeschäftigte und arbeitslose Heimweber im Frankenwald, deren Kinder schon bei regulärem Verdienst Hunger leiden mußten.Der amerikanische Journalist Hubert R.Knickerbocker besuchte 1932 die Frau eines arbeitslosen Weddinger Kommunisten.Dem Ehepaar und seinen fünf Kindern verblieben 15 Mark Unterstützung in der Woche.Bevor die Frau davon Miete und das kärgliche Essen bezahlte, mußte sie zwei Mark dreißig für die "Rote Fahne" und den Parteibeitrag abziehen.

Die große Depression der Jahre ab 1929 war kein kurzer ÔKonjunktureinbruchÕ oder eine periodische Krise.Ihre Folge war tatsächlich eine fundamentale und andauernde Zerrüttung der bis dahin bestehenden Erwerbsstrukturen.Gut 5,5 Millionen registrierte Arbeitslose im Schnitt des Jahres 1932: damit waren 30 Prozent der abhängig Beschäftigten arbeitslos.Die Gewerkschaften zählten gründlicher, wenngleich nicht völlig repräsentativ, und kamen auf knapp 44 Prozent arbeitslose Mitglieder.Für die offizielle Statistik "unsichtbar" blieben dabei noch jene, die keine Arbeitslosenunterstützung mehr erhielten und sich deshalb nicht beim Arbeitsamt meldeten.Rechnet man sie hinzu, waren im Sommer 1932 rund 7,5 Millionen ohne Arbeit, nicht zu vergessen das Heer der Kurzarbeiter.Alles in allem ging um die Jahreswende 1932 / 33 nur jeder dritte Arbeitnehmer einer Vollzeitbeschäftigung nach.

Es ist den Historikern noch immer nicht ganz klar, wie die Arbeiter den jahrelangen Rückfall in frühindustrielles Elend überstanden haben.Zumindest ohne das Auffangbecken der bäuerlichen Regionen und Betriebe, in deren Schoß viele zeitweilig unterkrochen, ist das kaum zu erklären.Gesichert aber ist das Wissen um die politischen Folgen der Massenarbeitslosigkeit in Weimar.Der Politologe Jürgen W.Falter hat hier mit solider Grundlagenforschung viele Legenden zerstört.Keineswegs haben die Arbeitslosen der frühen dreißiger Jahre häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt die NSDAP gewählt, das Gegenteil ist richtig.Je höher die Arbeitslosenrate in einem Gebiet stieg, desto geringer die Stimmquote der NSDAP.Auch die "Ansteckung" mittelbar betroffener Wähler, etwa der Kaufleute und Gastwirte in Arbeiterquartieren, läßt sich mit komplizierten Berechnungen eindeutig ausschließen.Der in jedem Fall negative statistische Zusammenhang erlaubt einen relativ sicheren Schluß auf das Wahlverhalten der arbeitslosen Arbeiter.Diese neigten als Wähler vor allem der KPD zu, welche in der Krise als Partei der Erwerbslosen einen Massenanhang besaß.Das Beispiel des Weddinger Kommunisten war nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel.

Dieses Ergebnis muß jene überraschen, die das Wahlverhalten nur als unmittelbaren Reflex klassenspezifischer oder sozialökonomischer Positionen und Interessenlagen ansehen.Eine solche Sicht ist verbreitet - und ganz falsch.Das Wahlverhalten beruht vor allem auf langfristigen Bindungen der Wähler, auf einem Geflecht von historischen, kulturellen und regionalen Grundhaltungen und Wertbezügen.Das galt allemal für die Zeit bis 1933, als feste katholische, liberale oder sozialistische Milieubindungen die Parteienlandschaft prägten.Arbeitslose Arbeiter verloren ihre sozialistischen Überzeugungen nicht, sondern radikalisierten sie nach links.Hunderttausende reagierten überhaupt nicht, sondern fanden sich mit ihrem Schicksal willenlos ab."Apathie" und "Resignation": das waren die Schlüsselworte, mit der Marie Jahoda 1933 die "Arbeitslosen von Marienthal" in Niederösterreich beschrieb.Die große alte Dame der europäischen Soziologie lebt heute in England.Den Befund ihres Erstlingswerkes hat sie, zu ihrem großen Bedauern, in den Studien späterer Jahrzehnte noch vielfach bestätigt.

Die historisch-kulturelle Fundierung des Wahlverhaltens ist auch heute noch gültig, nur etwas abgeschwächt, der zunehmenden Pluralisierung und Individualisierung von Lebensstilen zum Trotz.Wenn Arbeitslosigkeit automatisch in rechtsradikale Stimmabgabe münden würde - dann läge eine Hochburg des Neonazismus auch im Ruhrgebiet.In Städten wie Bottrop oder Gelsenkirchen, wo die Quote zwischen 15 und 20 Prozent schwankt, kennt man außer der SPD aber keine andere Partei.Die Sozialdemokratie ist hier nicht einfach "hegemonial", wie Peter Glotz formulieren würde.Sie hat sich die vielfach gebrochenen Traditionen des gesichtslosen Industriereviers so gründlich einverleibt, daß ein sprichwörtlicher Besenstiel als Kandidat für den Bürgermeistersessel reichen würde.Noch ist nicht zu erkennen, daß die Krise das sozialdemokratische Pathos der "kleinen Leute" brechen und ihre Wählerschar in Duisburg unter 70 Prozent drücken kann.

Arbeitslosigkeit ist auch ohne den schiefen Vergleich mit den dreißiger Jahren ein existenzielles Schlüsselproblem unserer Gesellschaft: gerade weil sie Apathie, nicht Radikalisierung hervorruft.Historisch drapierte Dramatisierung verstärkt nur die weit verbreitete Neigung, von den heute spezifischen Problemlagen abzusehen.Jetzt wie am Ende von Weimar wird mit harten Bandagen gefochten.Abbau von Sozialleistungen und Staatsverschuldung in der Hoffnung auf eine Erholung des Marktgeschehens ist der Weg, sagen die einen.Oder doch lieber Arbeitsbeschaffung, auch zur Konjunkturanregung, unter Inkaufnahme weiterer Verschuldung? Diese Variante buchstabierte sich 1931/32 "WTB-Plan", nach den Nachnamen der gewerkschaftlichen Verbandsführer und Konjunkturtheoretiker.

Es wäre schön, wenn dies Instrumentarium noch unsere Probleme erfassen würde.Doch fast alles spricht dafür, daß diese Suggestion falsch ist.Das erste Konzept hat in den achtziger Jahren die Massenarbeitslosigkeit so wenig reduziert wie das zweite in den siebziger Jahren.Können wir glauben, daß dies auf immens erhöhtem Niveau heute anders sein soll? Das Volumen vorhandener Arbeitsstunden ist in den letzten zwanzig Jahren um mehr als ein Zehntel gesunken; im gleichen Zeitraum erhöhte sich noch weiter die Erwerbsneigung und damit die Zahl der Erwerbspersonen.Die Rückkehr vieler in der DDR berufstätiger Frauen an den heimischen Herd hat diesen Trend kurz unterbrochen.Er geht jedoch weiter, wenn auch nicht so stark wie die Abnahme der Arbeit.Arbeitslosigkeit läßt sich nicht mehr mit Konjunkturspritzen bekämpfen.Sie erfordert eine gründliche und anhaltende Debatte über die Neuverteilung der Erwerbsarbeit, deren ökonomische Voraussetzungen und ihre sozialen Konsequenzen.Diese Debatte hat bereits begonnen, vielleicht wird sie auch einmal zur Politik werden.Doch im Wahlkampf findet sie nicht statt.

Der Autor ist Historiker an der Ruhr-Universität in Bochum.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben