Kultur : Währung: Anerkennung

Cory Doctorow entwirft eine ökonomische Utopie: Der Debütroman des Netzaktivisten kostet nichts

Kolja Mensing

Cory Doctorow ist der Prototyp eines Cyber-Aktivisten. Er wird 1971 in Toronto geboren, seine Eltern sind bekennende Trotzkisten, als Teenager engagiert er sich für Umweltschutz und Friedensbewegung. Er schreibt sich an verschiedenen Universitäten ein, ohne einen Abschluss zu machen, landet schließlich im europäischen Büro der „Electronic Frontier Foundation“, einer Organisation, die sich für mehr Bürgerrechte im Internet einsetzt. Doctorow macht sich schnell einen Namen im Kampf gegen die Verschärfung des Urheberrechts – und hat als Ko-Editor des erfolgreichen Nerd-Blogs „Boing Boing“ die ideale Plattform für seine ultraliberalen Thesen.

Sein Debütroman „Backup“ ist nichts anderes als die Fortsetzung dieses Kampfes mit anderen Mitteln. Als der Science- Fiction-Titel im Jahre 2003 in den USA als Hardcover erscheint, stellt Doctorow den gesamten Text unter einer „Creative Commons“-Lizenz auf seiner Homepage zum Download bereit. Filesharing ist ausdrücklich gewünscht. Im copyrightversessenen Literaturbetrieb war diese Doppelstrategie von Printausgabe im Buchhandel und Freeware im Netz eine echte Sensation. Selbst der Heyne Verlag und sein Mutterkonzern Random House haben sich überzeugen lassen und bieten jetzt die deutsche Übersetzung von „Backup“ (aus dem Amerikanischen von Michael K. Iwoleit) ebenfalls als kostenloses PDF an. Wer einfach mal reinschauen will, kann sich die 7,95 Euro Ladenpreis also sparen.

Worum geht es? Cory Doctorow fährt zunächst ein ganz klassisches Science- Fiction-Szenario auf. Die Gesellschaft des 22. Jahrhunderts lebt im Überfluss, materielle Probleme gehören der Vergangenheit an, und der Tod ist abgeschafft worden: Die Menschen legen regelmäßig Backups von ihren Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen an, und wenn ihr Organismus versagt, wird diese Sicherheitskopie innerhalb von ein paar Tagen auf einen schnell herangezüchteten Klon gespielt. Julius ist auf diese Art bereits „zum dritten Mal erwachsen geworden“, hat zehn Sprachen gelernt, vier Dissertationen geschrieben und drei Symphonien komponiert. Schließlich hat er sich seinen Kindheitstraum erfüllt und sich in Disney World niedergelassen. Der Themenpark ist mittlerweile zu einem umkämpften Museum der amerikanischen Populärkultur geworden. Julius gerät zwischen die Fronten und muss nach einer Schießerei sogar aus seinem Backup wiederhergestellt werden.

Doctorow interessiert sich aber weniger für Action als für Ideen: In „Backup“ geht es also in erster Linie darum, eine ökonomische Utopie auszuarbeiten, in der Geld überflüssig geworden ist. Stattdessen hat sich eine neue Währung durchgesetzt: Anerkennung. Im Laufe seines Lebens sammelt jeder Mensch Bonuspunkte. Eine solche „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ ist durch Netz-Communitys wie MySpace oder FaceBook längst Teil unseres Alltags. Während andere SF-Autoren noch immer Kampfroboter durchs All marschieren lassen, hat Doctorow erkannt, dass die Zukunft bereits angefangen hat.

Indem Doctorow seinen Roman kostenlos zum Download anbietet, macht er ihn zum Testfall für die Aufmerksamkeitsökonomie und die Akkumulation von „Reputationskapital“. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Die amerikanische Printausgabe geht mittlerweile in die siebte Auflage, 750 000 Mal wurde „Backup“ aus dem Netz geladen. Wer das Buch nicht mag, kann es übrigens einfach umschreiben. Die cc-Lizenz von „Backup“ erlaubt ausdrücklich „derived works“, also neue Werke auf Grundlage des Originals.

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