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Wael Shawky : Krieg an seidenen Fäden

27.08.2012 00:00 Uhrvon
Blickwechsel. Im Marionetten-Video „Cabaret Crusades“ zeigt Wael Shawky die Kreuzzüge aus arabischer Sicht.Bild vergrößern
Blickwechsel. Im Marionetten-Video „Cabaret Crusades“ zeigt Wael Shawky die Kreuzzüge aus arabischer Sicht. - Foto: Courtesy the artist and Sfeir-Semler Gallery, Beirut/Hamburg

Von Kassel nach Berlin: Der Ägypter Wael Shawky und seine beeindruckenden Videoinstallationen, die jetzt in den Kunst-Werken zu sehen sind.

Gerade noch campierten die Occupy-Aktivisten in der Ausstellungshalle der Kunst-Werke. Zeitpläne und Aufrufe füllten die Wände. Die Stühle für das tägliche Plenum verstellten den Weg. Die Bilder der Anfang Juli zu Ende gegangenen Berlin-Biennale haben sich eingeprägt, als Metapher für die gescheiterte Verbindung zwischen politischer Agitation und bildender Kunst. Weder überzeugten die Aktionen noch die Kunst.

Umso größer die Erwartung an den nächsten Wurf der Kunst-Werke. Geplant war dies nicht. Aber die neue Ausstellung mit dem ägyptischen Regisseur und Videokünstler Wael Shawky liest sich wie das Gegenmodell zum missglückten Vorgänger.

Wieder geht es um eine Verbindung aus Kunst und Politik, wie sie gegenwärtig in so vielen Ausstellungen geprobt wird. Nur verkehren sich diesmal die Verhältnisse. Der Künstler illustriert keine Statements, sondern bewahrt sich die Freiheit – und gewinnt. Als Beteiligter an der Arabischen Revolution, als Demonstrant auf dem Tahrir-Platz steht Shawkys Ernsthaftigkeit ohnehin außer Frage. Plakativität wird man bei dem 41-Jährigen nicht finden, stattdessen das Spiel im Spiel, Überlagerungen von Schichten, Zeitreisen, Sounds, Gesänge, multiple Perspektiven. Shawky öffnet neue Räume der Interpretation von Geschichte und aktueller Politik – und restituiert damit nebenbei auch die zentrale Ausstellungshalle in der Auguststraße wieder als Ort der Kunst.

Dunkelheit hat sich über die Galerie gelegt. Die Wände sind in tiefem Blau gehalten, feiner Sand bedeckt den Boden, in der Raummitte sind Granitblöcke auszumachen. Die größte Aufmerksamkeit aber gilt einer Schwarz-Weiß-Projektion an der Hauptwand, in der Kinder reihum eine Parabel vortragen, eine Erzählung des ägyptischen Autors Mohamed Mustagab. Sie tragen Kaftane und Schnurrbärte. Mit Erwachsenenstimmen erzählen sie die Geschichte eines ägyptischen Stammes, der anstelle von Eseln Kamele hält, so der letzte Wille seines geistigen Oberhauptes. Auf Geheiß von dessen Nachfolger sind es schließlich Mulis und zuletzt Schweine, nach und nach nehmen die Stammesmitglieder selbst die Physiognomie der Tiere an – eine Geschichte der permanenten Transformation.

Wael Shawky selbst hat einen solchen Wandel, den vielleicht dramatischsten Wendepunkt in der jüngeren ägyptischen Geschichte im vergangenen Frühjahr erlebt. Wenn man ihn heute danach fragt, nennt er diese Tage die glücklichsten in seinem Leben. Gegenwärtig aber herrsche in seinem Land nur noch Enttäuschung über die Verhältnisse, führt er weiter aus. Der Künstler erzählt von Zensur vor allem in Literatur und Film, von der Korruptheit des Systems, das von den westlichen Staaten darin auch noch unterstützt werde. Es ist bitter, das aus dem Munde eines Künstlers zu hören, der als Hoffnungsträger seiner Generation gilt.

Nur einen Monat vor dem Beginn der Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz wurde der Künstler, der in Alexandria und Philadelphia Kunst studierte, für den Schering-Preis nominiert. Jetzt, anderthalb Jahre später, gehört er zu den zentralen Positionen der Documenta in Kassel und erhält in den Kunst-Werken seine erste institutionelle Ausstellung in Deutschland im Rahmen der Preisverleihung durch die Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev, die damals ebenfalls zur Jury gehörte. Es scheint, als besitze die Documenta als Karriereförderer immer noch ihre Wirkung. So wird man in den nächsten Monaten gewiss noch an vielen anderen Orten Auskopplungen dieses 100- Tage-Museums zu sehen bekommen.

Entsprechend spielen Shawkys „Cabaret Crusades“ aus Kassel neben der eigens für Berlin entwickelten Videoinstallation „Al Araba Al Madfuna“ in der großen Ausstellungshalle eine zentrale Rolle. Wie schon auf der Documenta entwickeln sie eine enorme Sogkraft. Der Betrachter fühlt sich in das märchenhafte Geschehen magisch hineingezogen. Waren es bei „Al Araba Al Madfuna“ noch die Kinder, die für eine seltsame Verrückung sorgten, so agieren hier die Marionetten als unheimliche Protagonisten. Auf der Grundlage des 1983 erschienenen Buches „Der Heilige Krieg der Barbaren: Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber“ zeichnet Shawky die tausend Jahre zurückliegende Geschichte nach, deren Anfänge weniger im religiösen Eifer als in wirtschaftlicher Notwendigkeit begründet lagen, so die These des Autors Amin Maalouf.

Der Betrachter aber bestaunt vor allem das Spektakel, die Finesse von Shawkys Inszenierung. Er selbst baute die Marionetten, schuf das Bühnenbild, komponierte Teile der Musik, arrangierte das Licht. Mit äußerster Liebenswürdigkeit vermögen diese Puppen zu sagen: „Ismael, töte meinen Sohn“ oder „Macht die Stadt nieder, bis auf die Grundmauern“. Dazu wippen sie tänzelnd an ihren Fäden und schauen entrückt aus glänzenden Augen, schließlich folgen sie dem Willen einer höheren Macht. In einer meterlangen Vitrine sind 27 der insgesamt 110 aus Keramik gefertigten Figuren wie in einer Prozession hintereinander ausgestellt. Für den Besucher reißt damit der Schleier der Mystifizierung zum zweiten Mal, der Verfremdungseffekt doppelt sich. Während der Einsatz der Marionetten im Film noch zur Erkenntnis führte, dass Geschichte immer Fiktion ist, deren Perspektive sich je nach Standpunkt des Erzählers ändert, so offenbart die reine Präsentation der Puppen mit schlaffen Fäden, dass selbst diese Wahrheit auf einer Illusion beruht. Bert Brecht hätte seine Freude an Schüler Shawky.

Dieses grundlegende Misstrauen in die Fakten kennzeichnet die Arbeit vieler Künstler in jüngster Zeit, wie etwa Harun Farocki, Walid Raad oder Rabih Mroué. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Bilder aus den Nachrichten, vor allem die des Krieges auseinanderzunehmen und wieder neu zusammenzusetzen. Er beschreitet genau den anderen Weg, indem er die Form der poetischen Verschlüsselung wählt. Bei ihm spielen Marionetten den Krieg oder Kinderdarsteller reinszenieren das Attentat auf Sadat mit Miniaturgewehren. Und so fröhlich die Knirpse in seiner Videoinstallation „Darb Al Araba’in“ – benannt nach der gleichnamigen Reiseroute zwischen Darfur im Sudan und dem Niltal in Nordägypten – auch mitten in der Wüste aus Lehmsteinen Häuser errichten, so unbehaglich wird erneut dem Betrachter. Bahnt sich hier schon wieder der nächste Wandel, der nächste Krieg an? Das Spiel ist ernst.

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 21. 10.; Di-So 12-19 Uhr, Do 12-21 Uhr

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