Kultur : Wärme ab Werk

Die kleinen Großen (3): Das Ofen- und Keramikmuseum in Velten

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Ein Hauch von Rokoko. Schmuckstücke im Dachstuhl des Museums. Foto: Photonet/Lehnartz
Ein Hauch von Rokoko. Schmuckstücke im Dachstuhl des Museums. Foto: Photonet/LehnartzFoto: Photonet, I.N.C.

In Berlins Umgebung gibt es viele Museen mit ungewöhnlichen Sammlungen: Anlass für sommerliche Tagesreisen zu den „kleinen großen“ Kunst- und Ausstellungshäusern. Bisher stellten wir das Jagdschloss Schorfheide (10. 7.) und die Franckeschen Stiftungen in Halle (16. 7.) vor.

Als Kind war es eine meiner liebsten Beschäftigungen, mich im Winter mit dem Rücken an den geheizten Kachelofen zu stellen. Auch die Erwachsenen machten es so. Über die Mühsal des morgendlichen Anheizens oder die kulturhistorische Dimension einer Feuerstelle dachte ich natürlich nicht nach. Heizen mit dem Ofen ist etwas Elementares – und zeigt zugleich die angenehme Seite domestizierter Natur. „In einer Zeit, in der es auf Knopfdruck warm wird, helfen Sie mit, unsere Ofenkultur vor dem Vergessen zu bewahren“, steht auf einer Tafel im Ofen- und Keramikmuseum Velten.

Geworben wird so um private Stifter, die dem kleinen Museum 25 Kilometer vor Berlin die Erwerbung der Sammlung von Udo und Maike Arndt ermöglichen sollen: 40 komplette Öfen aus Barock, Rokoko und Klassizismus, dazu seltene Ofenmodelle und Einzelteile. 250 000 Euro hat die Kulturstiftung der Länder zugesagt, über 280 000 Euro private Spender. Selbst das finanzklamme Land Brandenburg signalisiert Interesse. Aber immer noch ist die erforderliche Gesamtsumme nicht gesichert.

Der Ankauf der Sammlung Arndt wäre ein Coup für das Veltener Ofenmuseum. Doch sehenswert ist es schon jetzt. Nirgendwo sonst bekommt man einen besseren Überblick über die Geschichte des Ofens und der Ofenherstellung der letzten 300 Jahre im deutschsprachigen Raum. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Öfen aus Velten, jenem Industriestädtchen nordwestlich von Berlin, in dem es um 1900 bei 7500 Einwohnern 36 Ofenfabriken gab. Ein Foto von 1905 zeigt Veltener Ofenkachelfuhrwerke vor dem Berliner Schloss. Doch man belieferte längst nicht nur die prosperierende Reichshauptstadt. Inzwischen hat sich das wertsteigernde Potenzial der meist weiß glasierten Veltener Kachelöfen, die noch in vielen Berliner Altbauwohnungen stehen, bis zu Immobilienmaklern herumgesprochen.

Der Wert des Museums schien nicht immer klar. 1905 als „Ortsmuseum für Kachelofen-, Tonwarenindustrie u. Heimatpflege“ von einem Schulkantor gegründet, war das Veltener Spezialmuseum über 20 Jahre lang komplett verschwunden. Anfang der Siebziger wurde die Sammlung geschlossen und in den Depots des Ost-Berliner Museums für Deutsche Geschichte eingelagert. Ein devisenbringender Verkauf der Bestände drohte. Erst nach der Wende schaffte es ein neugegründeter Förderverein, für den sogar die Grande Dame der brandenburgischen Keramik Hedwig Bollhagen warb, die Sammlung in einer Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums zu zeigen und ab 1994 dauerhaft in Velten zu installieren. Museumsdirektorin Nicole Seydewitz führt hier den Beweis, dass man kein üppig alimentiertes Großmuseum sein muss, um interessante Sonderausstellungen hinzukriegen.

Das schönste Ausstellungsstück ist das Gebäude selbst: die 1899 erbaute Ofenfabrik August Schmidt, Lehmann & Co. Ein rotgelber Backsteinkasten, dessen Hauptattraktion darin besteht, dass in den unteren beiden Geschossen bis heute die Schmidt’sche Ofenkachelfabrik produziert – als letzte Veltener Ofenfabrik mit ununterbrochener Betriebsgeschichte.

Zwölf Muster in 40 Farben fertigen die zehn Mitarbeiter von Rolf Schmidt, dazu Baukeramik für die Denkmalpflege. Hier liefert der Chef noch selbst aus, Jahresumsatz: eine halbe Million Euro. Ob es in der nächsten, der fünften Generation weitergehen wird mit der Firma, weiß Rolf Schmidt nicht.

Nach Voranmeldung kann man sich durch die Produktionsräume führen lassen und die Arbeiter befragen: 24 Stunden dauert ein Brand, die Lieferzeit für einen individuell angefertigten Ofen beträgt etwa vier Wochen. Unten im Shop kann gleich bestellt werden, übrigens auch ein rundes Sondermodell nach einem Entwurf von Hedwig Bollhagen.

„HB“, wie sich die 2001 im benachbarten Marwitz verstorbene Keramikerin nennen ließ, wird hier bald noch stärker präsent sein. Im März 2010 entschied der Vorstand der Bollhagen-Stiftung, dass das geplante HB-Museum nicht in Potsdam, sondern in Velten eingerichtet werden soll: in einem Nebengebäude auf dem Museumsgelände. HB hätte es vermutlich gefreut. Schließlich ist das Veltener Museum nicht nur ein Ofen-, sondern auch ein Keramikmuseum.

Ofen- und Keramikmuseum Velten, Wilhelmstraße 32. Di - Fr 11 - 17 Uhr, Sa / So 13-17 Uhr. Derzeit läuft die Sonderausstellung „Atmen war Malen. Charles Crodel und Hedwig Bollhagen“. www.ofenmuseum-velten.de

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