Kultur : Waffe Witz

Zum 70. des tschechischen Filmemachers Jiri Menzel

Kerstin Decker

Nouvelle Vague, das klingt nach ewiger Jugend. Und nun werden auch die Umstürzler, die Neubeginner alt. Jiri Menzel, geboren vor genau 70 Jahren in Prag, erfand einst Seite an Seite mit Milos Forman das tschechische Kino neu, was die Mitbetroffenen dieser Erfindung, die Regierenden, bald sehr misstrauisch stimmte. Dabei herrschten die Kommunisten im Lande Schwejks, sie mussten also auf einen wie Menzel gefasst sein. Auf das Lachen von unten, denn jeder wirkliche Witz ist der des Schwächeren. Wenn wir vom „tschechischen Film“ sprechen, meinen wir im Grunde noch immer das Genre des Menzel-Films, diese merkwürdigste Verbindung von Weltweisheit, Einfalt, Bosheit, Anarchie, Poesie und Witz.

Menzels erster Großfilm hieß „Ostré sledované vlaky“, „Liebe nach Fahrplan“. Er bekam gleich einen Auslands-Oscar, dabei handelte er von dem, wovon das zeitgenössische sozialistische Kino fast immer handelte: vom Widerstand gegen den Faschismus. Jugendlicher Bahnhofswärter (sehr, sehr jung: Vaclav Neckar) beteiligt sich an einem Anschlag auf einen Nazi-Munitionszug und wird erschossen. Ein Heldenepos? Nicht ganz, denn diese Todesart stellte nur einen Kollateralschaden der sexuellen Reifung – wir sind in den Sechzigern! – des Bahnhofswärters dar.

1968 drehte Menzel „Rozmarné léto“, „Ein launischer Sommer“. Das wurde er. Und war – eben noch ein Frühling, ein Prager – sehr plötzlich zu Ende, und mit ihm die neue tschechische Welle im Kino. Milos Forman ging in den Westen, Menzel blieb und porträtierte einen Schrottplatz, auf dem „Feinde des Sozialismus“ zu „neuen Menschen“ „umerzogen“ wurden. Es entstand ein Stück hintersinnigster, umgehend verbotener kinematografischer Anarchie, „Lerchen am Faden“. 1990 brachten sie Menzel den Goldenen Bären auf der Berlinale.

„Lerchen am Faden“, „Liebe nach Fahrplan“ – die meisten Menzel-Filme entstanden nach Büchern Bohumil Hrabals. Der Sozialismus hatte sich irgendwann mit dem doppelten Störfall Menzel-Hrabal abgefunden, aber nach 1990 mussten Filme plötzlich „finanziert“ werden. Fast ein Jahrzehnt Anlauf hat Menzel seine vorerst letzte Hrabal-Verfilmung gekostet: „Ich habe den englischen König bedient“ (2006), die Abenteuer des Hochstaplers Felix Krull auf tschechisch. Verblüffend und kongenial, wie Menzel seinen Lieblingsautor Hrabal in Bilder überträgt. Film setzt Pointen anders als Sprache – und Menzel findet sie. Die vorerst letzte Probe auf die Menzel-Hrabalsche Weltsicht, auf den fremden Blick: Den eines Ornithologen, versunken in die Betrachtung eines Ameisenhaufens. Kerstin Decker

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