Kultur : Waffen nieder!

Berliner Philharmoniker mit Beethovens Fünfter

Jörg Königsdorf

Lauwarmer Höflichkeitsbeifall für Berlioz, schnell versiegendes Klatschen nach Strawinsky – schon das Applausbarometer zeigt, dass das Publikum in der ausverkauften Philharmonie an diesem Abend eigentlich nur eines will. Rattle und die Philharmoniker mit Beethovens Fünfter. Gegen den Ta-Ta-Ta-Taa-Hit kommt nun mal nichts an. Auch nicht bei den Musikern: Seltsam uneinheitlich geraten schon die vierzig Minuten aus Berlioz’ „Romeo und Julia“-Sinfonie. Manchmal gelingt betörende Stimmungsmalerei wie in der tristanesken Melancholie von Romeos Soloszene, den poetischen Charme des flirrenden Feenköniginnen-Scherzos dagegen trocknen die spröden Violinen weitgehend aus. Auch Strawinskys spätes Ballett „Agon“ besitzt erstaunlicherweise nichts mehr von der Elastizität und Finesse, die Rattle erst vor zwei Wochen für Strawinskys „Persephone“ aufbrachte. Angesichts der gemächlichen Akzente der Blechbläser käme niemand auf den Gedanken, zu dieser Musik tanzen zu wollen.

Dass Rattle nach wie vor etwas bewegen will, zeigt sich erst bei Beethoven: Seine Fünfte ist ein radikaler Entheroisierungsversuch, der immer wieder die scheinbar so unausweichliche Start-Ziel- Dramaturgie unterläuft. Noch im Finale nutzt Rattle jede Ausweichmöglichkeit zu einem graziösen Schlenker, spürt heitere Gelöstheit auf, wo andere Dirigenten auf triumphales Vorpreschen setzen. Hier, bei Beethoven, wird auch deutlich, wo Rattle mit den Philharmonikern hin will: Denn gerade das Konzept der Fünften als „Schicksalssinfonie“ ist ja an den „Deutschen Klang“ und Furtwängler gebunden, braucht das tiefe Streicherfundament, um Erhabenheit zu schaffen. Doch eben das verweigert Rattle. Der Ton der hohen Streicher ist bei ihm nurmehr eine dünne Haut, unter der die Bläserstimmen als angespannte Sehnen und pulsierende Adern erlebbar werden. Dass etliche Details noch nicht wirklich stimmig sind, das Freigelegte manchmal noch seine Funktion im sinfonischen Verlaufsplan finden muss – geschenkt. Der Abend ist ohnehin eher eine Etappe auf Rattles Reise zu einem neuen Beethoven-Bild. Und wer diesen Weg nicht mitgehen will, der kann in Berlin ja zu Barenboim gehen.

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