Kultur : Waffen und Wunden

Der kalte Blick: Thomas Heises Dokfilm „Vaterland“

Silvia Hallensleben

Eine lange Kamerafahrt entlang halb verfallener Baracken und Plattenbauten, zwischen denen in den Jahren postsozialistischer Vernachlässigung die Birken herangewachsen sind. Im Off eine Männerstimme, der zur Zurückhaltung mahnende Brief eines Vaters im Winter 1944 an seine beiden Söhne im Arbeitslager. Hier, in diesen Baracken könnten sie gesessen haben, bevor nach dem Krieg die Sowjets einzogen und einen Militärflugplatz errichteten.

Nicht weit entfernt ein Dorf. Einladend sieht es nicht aus, die Straßen fast menschenleer, nur zum Feuerwehrfest gibt’s Schnaps und Blasmusik. Und in „Natho’s Gaststätte“ haben damals trotz des Namens die Sowjetsoldaten schon gesoffen, für Otto Natho eine sichere, wenn auch raue Kundschaft. Jetzt sind die Russen fort, und bei Natho sitzen die Dorfmänner bei Klaren und Bier.

Die Kneipe: ein dunkles Zentrum. Doch auch in den Wohnstuben sieht es in Thomas Heises Dokumentarfilm „Vaterland“ nicht erbaulicher aus. Und wenn, dann scheint die Idylle fast gewaltsam in Szene gesetzt – und das nicht vom Regisseur. „Frauen und Mädchen! Weiterhin alle Kraft für die Stärkung der DDR – für das Glück der Familien!“ heißt es auf einer Parole, die Heise bei einem früheren Besuch in Straguth heimlich gefilmt hat, als dort die Militärjets noch dröhnten. Jetzt sitzen die Paare stumm vorm Fernseher, manche Frauen sind abgehauen und haben traurige Restfamilien zurückgelassen. Und da sind auch Männer mit Schäferhunden, deren Gebell sich mit dem Kreischen der Kreissäge über die verlassenen Dorfstraßen legt.

Der Dokumentarfilmer Thomas Heise, 1955 in Ost-Berlin geboren, erregte nach der Wende 1992 Aufsehen – vor allem mit „Stau, jetzt geht’s los“, worin er mit nüchternem Erschrecken die Lebensrealiäten junger Neonazis in der ostdeutschen Provinz porträtierte. Ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik geriet Heise dabei wegen seiner kommentarlosen Darstellung des Status quo, die von manchen als Entschuldigung der rechtsradikalen Jugendszene verstanden wurde. Doch gerade das Fehlen der üblichen Distanzierungsrituale war es wohl auch, das dem Film bei Kritik und Festivaljurys anerkennende Aufmerksamkeit verschaffte.

Es ist der schmale Grat zwischen Denunziation und Anbiederung, auf dem Heise auch in „Vaterland“ balanciert. Und es ließe sich dem Film vorwerfen, dass seine Impressionen aus dem Anhaltinischen genau die Ost-Klischees bedienen, die man in Bonn und Sindelfingen immer noch hegt.

Die einfachste Antwort hieße wohl: So sieht es eben aus in den Dörfern zwischen Zerbst und Dessau. Stimmt ja. Doch stellen Sie sich einmal versuchsweise vor, ein anderer Dokumentarfilmer, Volker Koepp etwa, hätte diesen Film gemacht. Der hätte selbst nach Straguth genug Idylle gezaubert, dass es einem das kalte Wessi-Herz erwärmt. Nein, mit Realismus allein kann man das nihilistische Aussehen dieses Films nicht rechtfertigen, zumal auch der Regisseur seiner Realität immer wieder mit eigener Inszenierungskunst nachgeholfen hat.

Nein, es sind Heises Ausflüge – Grabungen nennt er sie selbst – in die Geschichte, die „Vaterland“ zu mehr machen als einem düsteren Zeitbild ostdeutscher Provenienz. Der Titel darf dabei als Hinweis dienen. Nicht nur, weil einer der Lagerhäftlinge vom Anfang wirklich der Vater des Regisseurs war. „Vaterland“ deutet auch auf einen breiteren historischen Anspruch, der voraussetzt, dass die Verletzungen der Vergangenheit auch in der Gegenwart noch wirken. Manchmal kann solcher Phantomschmerz ein ganzes Land befallen und lähmen. Heise zeigt uns die Wunden, doch er spricht auch von den Waffen, die sie geschlagen haben. So, durch die Geschichte, kommen uns dann auch die erst so fremden Männer aus Straguth näher. Und irgendwann scheint selbst Volker Koepp nicht mehr so fern.

Babylon-Mitte und fsk; am 26. November, 19 Uhr Filmgespräch mit Thomas Heise in der Akademie der Künste.

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