Wagner-Festspiele : Rammstein in Bayreuth

Am Montag beginnen die Wagner-Festspiele. Sebastian Baumgarten inszeniert den „Tannhäuser“ – und handelte sich schon im Vorfeld Ärger ein. Ein Probenbesuch.

von
Im Bayreuther Festspielhaus eröffnen am 25. Juli 2011die Richard-Wagner-Festspiele und feiern ein Jubiläum: Sie finden zum 100. Mal statt.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
25.07.2011 12:27Im Bayreuther Festspielhaus eröffnen am 25. Juli 2011die Richard-Wagner-Festspiele und feiern ein Jubiläum: Sie finden zum 100....

Kurz bevor sich herausstellte, dass der Tod nun doch kein Irrtum sei, und er wusste, dass es ans Sterben ging, notierte der an Krebs erkrankte Schriftsteller und Regisseur Heiner Müller: „Wenn ich (die) Kritiken lese, komme ich mir vor wie 1 Denkmal“. Und dass er sich fühle, als ob ihn die Hunde anpissen. Dann regte sich im halb aus Neigung, halb aus Selbstschutz berufszynisch gewordenen Müller doch noch einmal der Widerstand: „… aber ich lebe noch (ich bin kein Denkmal) all diese tapferen Idioten – + Hunde ohne Baum (critics).“

Er schrieb ja nicht mehr viel, aber das saß. Das Seltsame ist, dass man dauernd an den wehrhaften Müller denken muss, während man in Bayreuth im Stehen („ich sitz’ ja genug“) mit Sebastian Baumgarten spricht. Obwohl Menschen auf den ersten, zweiten und sogar dritten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Müller war, als er in Bayreuth 1993 den „Tristan“ inszenierte, ein freundlicher, schon ein bisschen älterer Herr (und gleichzeitig junger Vater) mit Abgründen. Er wusste, dass die Leute – in Bayreuth zumal – über den Liebestod im „Tristan“ hinaus voyeuristisch-romantisch ins Jenseits glotzen wollten, und natürlich tat er ihnen als alter, wiewohl abgewiesener Schüler Brechts genau diesen Gefallen nicht, sondern fror die Glut ein auf der Bühne. Zu Eis. Zu Packeis.

In den Pausen stand Müller manchmal zum Rauchen draußen. Dann genoss er still, wenn das Publikum auf ihn schimpfte, ohne dass er erkannt wurde: mit seinem Eulenblick und dieser Extrawagnerportion sächsischer Schläue in Hirn und Haut. Baumgarten sagt, wie man gesprächsweise drauf kommt, „der Heiner“, und er spricht den Namen anders aus als „Bob“ (Wilson) oder „Einar“ (Schleef), bei denen er ebenso assistiert hat wie bei „der Ruth Berghaus“. Die schätzt er schon auch noch sehr. Aber „Heiner“ klingt ein ganz klein bisschen heilig.

Sebastian Baumgarten ist ziemlich groß. 42 Jahre alt, Salz-und-Pfeffer-Haare, ordentlich Muskeln. Auch in Bayreuth geht er nach den Proben dreimal in der Woche zum Sport, „sonst wird man ja ganz verrückt“, sagt er. Er ist keiner, der hockt und die Sachen aussitzt. Selbst sein Regisseurssessel wippt ständig, wenn er zufällig mal kurz auf der Kante kippelt. Ansonsten ist er auf dem Sprung und lässt die Assistentenpferde laufen. Es ist das Ende der zweiten Probenwoche. Dreieinhalb hat er. Das ist nicht viel für einen, der gerne ordentlich Material in seine Inszenierungen packt, also Ansichten ausstreut, die einen innerlich oft „Moment mal!“ sagen lassen. Wobei es dann sein kann, dass man, kaum ist das gedacht, schon wieder mit zwei anderen Bildern konfrontiert ist, die sich überlagern. Baumgarten denkt nicht in Schablonen, sondern, sagen wir, dialektisch, oder sagen wir besser: sprunghaft dialektisch.

Da ist natürlich das Ostberliner Familienerbe dran schuld: mit dem Großvater als Intendanten der Staatsoper und der Mutter, Beruf Sängerin. Was sollte (wie beim älteren Regisseurskollegen Peter Konwitschny) aus dem Jungen schon werden als irgendwas mit Oper und Schauspiel? Baumgarten hat sich aber klugerweise den Raum für eigene Entwicklung gelassen, indem er die Ochsentour machte und über die Dörfer, sprich Kassel, ging (als Oberspielleiter und stellvertretender Operndirektor). Dann Meiningen, Stuttgart, immer wieder Schauspiel – dann die großen Berliner Häuser: Deutsche Oper, Volksbühne, Komische Oper. Und öfter heißt es auf den Programmzetteln „frei nach“ – Händel, Mozart, Offenbach, Wagner; in Kassel hat Baumgarten bereits „Parsifal““ inszeniert.

Lesen Sie mehr auf Seite zwei.

Seite 1 von 2
  • Rammstein in Bayreuth
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen

23 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben