Wagner-Jahr : Der Opernmaler

Seine Inszenierung des „Rings“ hat schon Los Angeles ins Wagner-Fieber versetzt. Vier Teile, 16 Stunden. Alles hat Achim Freyer selbst gemacht, von der Regie bis zur letzten Rüsche. Wie jetzt in Mannheim. Und 20 „Ringe“ fühlt er noch in sich. Ausgerechnet, Brechts Meisterschüler.

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Was ist Heimat? Achim Freyer, 79, nutzte eine Tournee, um aus der DDR zu fliehen. Heute lebt der Gesamtkunstwerker in einer Villa in Lichterfelde.
Was ist Heimat? Achim Freyer, 79, nutzte eine Tournee, um aus der DDR zu fliehen. Heute lebt der Gesamtkunstwerker in einer Villa...Foto: Christian Kielmann / Imago

Es gab noch nie einen „Ring“ in Los Angeles. Intendant Placido Domingo gedachte das zu ändern. Gleich nebenan liegt der Ort mit den größten Regisseursvorkommen der Welt pro Quadratmeter. Vielleicht hatte jemand Zeit und Lust?

„Star Wars“-Schöpfer George Lucas erkannte seine Aufgabe sofort. War Wagners „Ring des Nibelungen“ nicht „Star Wars“, bloß ohne Weltraum, und für die special effects war nur die Musik verantwortlich? Wobei „Star Wars“ wiederum – auch dessen war sich George Lucas bewusst – ohne Zweifel zum Genre der Oper zählt, zur Space-Opera eben. Ja, natürlich musste er das machen! Lucas berechnete, was er unbedingt brauchte. 60 Millionen Dollar? 60 Millionen Dollar!

Und dann stand ein anderer im Jubel, einer, dessen Namen bisher keiner kannte in LA und der nun in aller Munde war: Achim Freyer! Er hat für die Hälfte alles gemacht, Regie, Bühne, Licht, Kostüme. Vier Teile. 16 Stunden. Ein Gesamtkunstwerker wie Wagner selbst. Los Angeles geriet ins Wagner-Fieber. Oder war es das Freyer-Fieber?

Who, the fuck, is Achim Freyer?

Who, the fuck, is George Lucas? Der Gefeierte wusste es wirklich nicht. Er hatte sogar Lucas’ Leuchtschwerter aus dem Geiste Wotans und der Helligkeit LAs neuerfunden, ohne seinen Vorgänger zu kennen. Er wusste auch nicht, neben wem er da eine Premierenfeier lang gesessen hatte: Es war Jack Nicholson. Nie gesehen. Und wer bloß war dieser Enthusiast, der ihn zum größten Künstler aller Zeiten erklärte? Quentin Tarantino stand vor ihm, unerkannt. Taran… was? - „Ich habe doch keine Ahnung vom Kino“, sagt der Gesamtkunstwerker unter Genieverdacht heute und hat dieses unvergleichliche Achim-Freyer-Lächeln im Gesicht, gut versteckt in einem grauen Bart, den er schon immer trug: ein wenig defensiv, sehr hintergründig, wie um Nachsicht bittend und doch ungemein selbstgewiss. Vielleicht muss man in der DDR aufgewachsen sein, um so lachen zu lernen. Gleichsam hinter dem Rücken der Macht, notfalls ihr auch mitten ins Gesicht. Vor allem aber: leise.

Jetzt ist er schon einen „Ring“ weiter. Von LA nach Mannheim! Wieder hat er alles selbst gemacht. Von der Regie bis zur letzten Rüsche am Kleid, aber völlig neu, völlig anders. „Die Götterdämmerung“, der letzte Teil des „Ring“ hatte eben erst Premiere. Freyer malt Wagner! Mit dickem Pinsel und feinem Strich, in allen Farben. Dabei war sein Weg zu dem bestbeargwöhnten Genie Richard Wagner besonders weit.

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