Wagner-Werkstatt (10) : Merkels Mittelloge

Das gab's noch nie: Eine Journalistin, die in Wagners Allerheiligstes vorgelassen wird und dort sechs Wochen zubringen darf. Diesmal nimmt Christine Lemke-Matwey den Platz von Kanzlerin Angela Merkel ein.

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Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-MatweyFoto: Jörg Schulze

Folge 10, du lieber Himmel, noch ganze 12 Tage bis zur Premiere und sechs Proben: vier Bühnenorchesterproben, eine Hauptprobe und eine öffentliche Generalprobe und das war’s. Kaum zu glauben: War nicht eben erst Konzeptionsgespräch, habe ich nicht gestern die Assistenten mit den Treppenstufen im Zuschauerraum multipliziert und der Festspielleitung Honig vom Bauernhof mitgebracht, bekam die Lohengrin-Therme nicht vor einer halben Stunde diese Plakette für besonderen Beinamputierten-Comfort verliehen und hat Jonas Kaufmann nicht vor zehn Minuten als Cavaradossi in München brilliert, und was habe ich mit Christian Thielemann im Graben gefroren, ge-fro-ren und was mit Andris Nelsons im Festspielrestaurant geschwitzt, und bei Lohengrins „Elsa - - - ich liebe dich“ im ersten Akt werden mir ganz bestimmt für den Rest meines Lebens die Tränen kommen, weil ich immer Hans Neuenfels im Ohr haben werde, wie zärtlich seine Neuenfels-Stimme das ins Regie-Mikro krächzt ...

Der grüne Hügel ist eine echte Zeit-Zentrifuge. Voll schlimm. Bei mir in der Bauernhof-WG sagen sie zu allem „voll“: voll gut, voll böse, voll blau, voll grün, voll krass natürlich, voll satt, voll cool, voll voll. Es ist ein bisschen schwer, sich das nicht anzugewöhnen. Insofern ist es vielleicht doch ganz gut, dass ich in zwei Wochen wieder nach Hause fahre. Die sagen auch zu allem „okay“. Ein Beispiel: Ich erzähle, dass ich gestern während der so genannten Klavier-Hauptprobe (der letzten Probe auf der Bühne mit Klavier, wie der Name sagt) in der Mittelloge gesessen sei, also da, wo am 25. Frau Merkel sitzen wird. Mittelloge, Reihe 1, Platz 6. Vielleicht sitzt sie auch auf Platz 7, aber das glaube ich nicht, ich glaube, da sitzt Herr Professor Sauer, also Herr Merkel. Ich erzähle das so, und aus drei Mündern mindestens brandet mir dieses „Okay“ entgegen. Man müsste Lautschrift schreiben können oder Chinesisch oder beides, um die Melodie dieses „Okay“ nachzuahmen: Klingt voll blank und nach Ratlosigkeit und als sei auf dieser Welt rein gar nichts von Interesse oder Neugier geschweige denn okay. Ist aber bestimmt nicht böse gemeint.

Die Erfahrung Mittelloge war aus drei Gründen aufschlussreich: Erstens komme ich da so schnell nicht wieder hin (die Kritiker sitzen gemeinhin zwischen Reihe 20 und 25); zweitens darf man als Bundeskanzlerin keine Sitzzwergin sein, sonst kriegt man Probleme mit der Brüstung; und drittens, oho, nehmen sich die dortigen Sitzgelegenheiten im Vergleich zur melkschemelartigen Saalbestuhlung aus wie diese Clubsessel, die an Flughäfen stehen und Massagen „wie von Hand“ versprechen. Voll gemein! Diese flauschig bespannte, federkernmatratzenverdächtige Sitzfläche und wie ergonomisch-butterweich einen die Rückenlehne oben im Nacken kitzelt! Ob das zu Zeiten des alten Richard W., der als Ex-Revoluzzer etwas auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hielt, schon so war? Eher nicht. Als Bundeskanzlerin Wagnerianerin zu sein, ist jedenfalls keine große Kunst. Oder doch, eigentlich schon, wenn man bedenkt, was die Frau sonst an Problemen so zu lösen hat.

Mich haben übrigens Zuschriften erreicht, die beklagen, dass ich in zehn Folgen Wagner-Werkstatt gar nichts über die Inszenierung aufdecken würde. Ja, was glauben Sie denn, liebe Zuschriftenschreiberinnen und –schreiber: Dass ich hier als Spionin engagiert bin? Als Doppelagentin, die der Tagesspiegel bei nächster Gelegenheit an die Festspiele ausliefert, wahrscheinlich am Flughafen Wien-Schwechat und gegen ein erkleckliches Kartenkontingent? Nee, nee, ich schweige wie ein Grab. Je mehr man dieser Tage auf der Bühne zu sehen und zu hören kriegt – Kostüme, Licht, Abläufe, eigentlich alles -, desto gräberner schweige ich. Da könnte ich Ihnen ja gleich beim nächsten „Tatort“ den Mörder verraten. Apropos Grab: Eines der Gerüchte, das Bayreuth gerade beschäftigt, besagt, die Urne mit Wolfgang Wagners Asche sei im Bayreuther Krematorium verloren gegangen. Ist aber nur ein Gerücht.

Dafür kann ich mit anderen Dingen dienen. Mit der Nachricht zum Beispiel, dass der Nagel (eigentlich ist es mehr eine Schraube) für Andris Nelsons’ Foto in der Dirigentengalerie bereits in die Wand geschlagen (respektive geschraubt) wurde. Nur das Foto fehlt jetzt noch. Und dass der Bayerische Rundfunk – der für die weltweiten Wagner-Übertragungen zuständig ist – seit Samstag sein Studio im Festspielhaus bezogen hat und im Zuschauerinnen-WC neuerdings Tisch und Stuhl für die Klofrau bereit stehen. Und gestern hat der Kiosk der Markgrafen-Buchhandlung gegenüber vom Festspielhaus erstmals sein Rollo hoch gelassen. Und der nette Italiener oben auf der Bürgerreuth muss die Speisekarten für die Festspielzeit (die kleiner sind und teurer als die normalen) nur noch aus der Schublade ziehen. Nächste Woche sind Generalproben. Der Countdown läuft.

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