Wagner-Werkstatt (13) : Der Zaunpfahl der Kanzlerin

Das gab's noch nie: Eine Journalistin, die in Wagners Allerheiligstes vorgelassen wird und dort sechs Wochen zubringen darf. Diesmal erlebt sie eine witzige Kanzlerin und schwierige Kost fürs eingefleischte Wagnerherz.

von
Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-MatweyFoto: Jörg Schulze

Ich habe es ja immer gesagt: Unsere Bundeskanzlerin kann richtig witzig sein. Das Jackett gewordene Schrebergartentum, das streift man ihr bloß über, sobald irgendwo ein Rotlicht brennt; dieser ganze Ossi-Thatcherismus ist eine Erfindung von Beratern. Bei ihrer ersten – historischer Moment! – Ansprache je auf einem Empfang der Bayerischen Staatsregierung fand Angela Merkel nun ein paar höchst beziehungsreiche, ja hintersinnige Dankesworte. Lieber Horst, sagte sie (gemeint war der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer als oberster Ausrichter des Staatsempfangs im Neuen Schloss nach der Eröffnung der Festspiele), lieber Horst, sprach Frau Merkel also und schraubte das Mikrofon einen halben Meter weiter runter, ich möchte es kurz machen und mich bedanken: Bei Richard Wagner für den „Lohengrin“, bei den Künstlern für die Kunst und bei den Schwestern Festspielleiterinnen dafür, dass sie sich so gut vertragen! Rumms! Zaunpfahl! Ha! Mächtiges Raunen im weißblauen Festzelt. Darüber fiel prompt nicht groß auf, dass Angie sich beim Horst für die leckeren Häppchen und Schlückchen irgendwie gar nicht bedankte, was dazu führte, dass Kabinettskollege Rainer Brüderle noch zwei Stunden nach der Kanzlerinnenansprache leicht orientierungslos durch den Garten irrte: „Wo isch’n hier der Wein? Wo isch’n hier der Wein?“

Wie gut oder schlecht sich Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier nun tatsächlich verstehen und vertragen, wer will das wissen. So lange der Laden läuft, ist das eigentlich auch egal. Und er scheint zu laufen, wie die folgende flankierende Maßnahme beweist: Schlussapplaus nach der „Lohengrin“-Premiere, viel Stimmung im Saal, Ovationen für die Solisten, Getrampel für Andris Nelsons, Kusshände für Eberhard Friedrich und seinen Chor – und das notorische Buhgeschrei für Hans Neuenfels und Reinhard von der Thannen. Irgendwo muss das Publikum seinen Frust ja abladen: Ein „Lohengrin“ ohne jede romantische Ästhetik und Idylle, ein „Lohengrin“, der Sachsen und Brabanter in Rattenkostüme steckt, schwarze und weiße (und niedliche rosafarbene), und behauptet, die ganze Welt sei ein Labor und der Mensch zu Liebe und Hingabe nicht fähig? Keine leichte Kost fürs eingefleischte Wagnerherz.

Neuenfels und von der Thannen werden also gerade zum zweiten Mal niedergemäht, da eilen ihnen zwei Bodyguards zur Hilfe. Eva von rechts hakt sich bei von der Thannen unter, Katharina von links bei Neuenfels, fertig ist die Quadriga. Den tosenden Unwillen konnten die Damen Festspielleiterinnen damit zwar nicht besänftigen, auch wäre die Geste kaum nötig gewesen, da haben die Herren Künstler schon ganz andere Kämpfe ausgefochten; ein schönes Bild aber war es allemal. Schade, dass die Kamera meines iPhones das aus Reihe 30 nicht geschafft hat, das Ding hat entweder keinen Zoom oder ich finde ihn nicht. Zwei rechtschaffen ratlose Theatermachergesichter wären darauf zu erkennen gewesen (niemandem machen Buhs nichts aus!) und zwei betont gefasste Intendantinnenmienen. Überhaupt muteten die Schwestern an diesem Abend sehr schwesterlich an: Katharina mit einer schwarzen Schwanenfeder im hochgesteckten Blondhaar, Eva mit langem Silberschmuck um den Hals, beide in schlichten schwarzen Roben. Ein Statement, zweifellos. Und nicht das blödeste.

Wer Hans Neuenfels kennt, weiß, dass er seinen Premieren gerne beiwohnt, als Zuschauer unter Zuschauern. In Bayreuth ging das bis zum Auftritt Telramund im ersten Akt gut. Zu dessen verleumderischer Anklage, Elsa habe ihren Bruder Gottfried verschwinden lassen, um sich den Thron von Brabant zu sichern, soll eigentlich ein kleiner Zeichentrickfilm gezeigt werden, der erste von dreien, „Wahrheit 1“. Die Leinwand fährt brav herunter, das Licht dunkelt ein – und es passiert weiter nichts. Kein Film, gar nichts. Der Computer streikt, wie sich später herausstellt, und Neuenfels hält es nicht länger auf seinem Sitz. Den Rest des Abends verbringt er irgendwo in den Katakomben des Hauses, Fernsehschirme gibt es hier genug und Gesellschaft auch: Die Assistenten der Produktion zum Beispiel, die ausnahmslos keine Premierenkarten bekommen haben, was mindestens so unschön ist wie die Tatsache, dass es keine Premierenfeier für alle gibt. Die Promis rauschen im Konvoi zum Staatsempfang, das Bühnenpersonal rottet sich in der Kantine zusammen, die Künstler flüchten in dieses oder jenes Lokal. Liebe Schwestern, hier wäre Handlungsbedarf! Vom Pfört-ner bis zum Heldentenor seien auf dem Grünen Hügel alle gleich und würden auch gleich behandelt, hieß es zu Wolfgang Wagners Zeiten. Davon war im unmittelbaren Umfeld der „Lohengrin“-Premiere nicht viel zu spüren.

Ich habe den ersten Akt mit einem mexikanischen Ehepaar, das vergeblich einen Parkplatz gesucht hatte, im so genannten Fernsehzimmer auf der Westseite verbracht (gleich hinter dem seitlichen Balkon, der nicht genutzt wird, wegen des Fernsehzimmers wohl, das früher auf der anderen Seite war und viel kleiner): Acht türkis gepolsterte Reihen à vier Plätzen, Flachbildschirm an der Wand, Fernbedienung in der Hand, fehlen nur noch Chips und Weißbier. Vom Bild her sieht man lediglich eine etwas unscharfe Totale, ich fürchte, die Mexikaner haben bei diesem Ameisentheater rein gar nichts erkannt und kapiert. Und wenn sich das schwere Blech unten im Graben ein paar echte Fortissimi leistet, dann rächen sich die TV-Boxen mit lautem Ächzen und Krachen dafür.

Den zweiten Akt bin ich im Graben gesessen, als einzige Hörerin. Nachdem es vor zwei Jahren bei Stefan Herheims „Parsifal“ auf den Hörerplätzen zu tumultuösen Zuständen gekommen war, hatte sich das Orchester alle Zaungäste in Zukunft verbeten, wenigstens für die Premieren. Mir aber hat’s Andris Nelsons erlaubt, und ich war auch ganz andächtig und untumultuös. Wie leicht Nelsons einem das macht! Jede seiner Bewegungen ist Musik, Seele, Liebe, Hingabe! Ein Fließen und Kosen, ein Befeuern und Beflügeln! Vielleicht wäre dasselbe Ergebnis auch mit weniger emotionalem Aufwand zu erzielen, kapellmeisterlicher sozusagen. Aber ist es nicht toll, wenn Künstler jung sind und wagemutig und heilig überschäumen, vor Enthusiasmus und Gier nach Leben? Mich tröstet so etwas, denn weniger wird’s von ganz allein. Ab Reihe 20 übrigens und in der zweiten Szene – das hat mir ein Fan dieser Kolumne verraten – spiegelt sich Nelsons Grabenkonterfei in der Vitrine mit Schwan, die Reinhard von der Thannen für Elsas Auseinandersetzung mit Ortrud gebaut hat. Man sieht den 31-Jährigen also richtig dirigieren! Das muss ich Hans Neuenfels erzählen, der anfangs eine Reihe Bullaugen in den Grabendeckel sägen lassen wollte, damit das Publikum von Nelsons hinreißendem Anblick etwas hat (siehe Folge 3).

Und den dritten Akt, nun ja, habe ich wandernd zugebracht. Eigentlich wollte mich Karlheinz Matitschka, der technische Direktor, in einen Bühnenturm setzen, aber da Matitschka nicht kam und ich nicht kaltblütig genug war, einfach auf dem Stuhl neben Wolfgang Wagners legendärem Klappsitzchen Platz zu nehmen (siehe Folge 11), bin ich, was sowieso verboten ist, zum Brautgemach ein bisschen auf der Seitenbühne herumgestanden, habe im Foyer an den Türen gehorcht, bin auf der Treppe zum BR-Studio gestanden (wo man besonders gut hört!), habe nachgeguckt, wer in der Kantine so alles vor Aufregung Fingernägel kaut, und bin schließlich wieder im Fernsehzimmer gelandet, wo zwei schmatzend Kaugummi kauende ältere Damen und ein leise schnarchender älterer Herr gerade der Gralserzählung lauschten. Und zum Applaus bin ich dann ganz schnell an die sich öffnende Tür in Höhe der letzten Reihe gesprungen und habe „Bravo“ geschrieen, so laut ich konnte, und habe einen Kloß im Hals verspürt, weil es jetzt vollbracht ist und vorbei. Morgen gibt’s die Kritiken. Und ich bin mir ganz sicher: Die Lektüre der Kollegen wird mir den Weg zurück in mein altes Leben verlässlich ebenen.

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