Wagner-Werkstatt (14) : Den Kritikern gehört das letzte Wort

Das gab's noch nie: Eine Journalistin, die in Wagners Allerheiligstes vorgelassen wird und dort sechs Wochen zubringen darf. Diesmal kämpft sie sich durch die Premierenkritiken - und vermisst den leidenschaftlichen Funken.

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Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-MatweyFoto: Jörg Schulze

Für den Bayreuther Bahnhofskiosk ist der 27. Juli ein Tag wie Kerwa (= Kirchweih), Weihnachten, goldene Hochzeit, Ferienbeginn und Himmelfahrt zusammen: Heute erscheinen die Premierenkritiken. In sich biegenden Stapeln liegt die nationale und internationale Presse bereit, der Herr vor mir kauft "Le Monde" und "La Repubblica", die Dame hinter mir die Münchner "tz", die Salzburger und die Passauer Neuesten "Nachrichten". Bayreuth ist nun einmal der Nabel der Welt, heute ganz besonders. Fast wundert man sich, dass in der "Lohengrin"-Premiere neben Frau Merkel und Herrn Seehofer auch ein paar Nicht-Journalisten noch Platz gefunden haben.

Es ist 7:38 Uhr, und die Kassenfrau schwitzt. Draußen lärmen Schulkinder, drinnen wird die Schlange lang und länger, und das Lottoscheinlesegerät spinnt. Wer kommt denn auch bloß auf die Idee, seinen Kombisupersystemsonstwas-Lottoschein hier und heute ausgerechnet vor 10 Uhr abgeben zu wollen? Dem Kombisupersystemsonstwas-Lottoscheinbesitzer ist sichtlich mulmig zumute, aber es hilft ja nichts. Um zehn, sagt die Kassenfrau, herrscht wieder Ruhe. Spätestens um zehn sind alle Zeitungen verkauft und zwar restlos, aus-ver-kauft. An diesem 27. Juli stoßen sich, was ihre Auflagen betrifft und ohne dass sie das jemals offen legen würden, regelmäßig ganze Verlagsgruppen gesund. Der Grüne Hügel ist der Gral des Feuilletons.

Apropos: Früher hatten es alle Sänger, die NIE NIE NIE Kritiken lesen, eindeutig schwerer, unerkannt an das verhasste Fischeinwickelpapier zu gelangen. Tarnhelm oder gedungene Einheimische - etwas anderes gab es nicht. Heute gibt es das Internet. Heute haben alle am frühen Nachmittag des 26. schon alles gelesen und entsprechend gute oder schlechte Laune. Ich persönlich finde das schade, für mich hat das mit vorzeitiger Entzauberung zu tun. So wie das Bayreuther Publikum seine Karten aber nach wie vor auf Papier bestellen will, auf den Formularen von 1951, so mag es auch seine Kritiken nicht wirklich online lesen. Also ist am Bayreuther Bahnhofskiosk auch 2010 wieder schwer was los. Und bei mir in der Bauernhof-WG gibt es sowieso kein Internet, wie gesagt.

Die Kritiken also und die lieben Kollegen. Diese 14. und letzte Folge der "Wagner-Werkstatt" stellt insofern ein Sakrileg dar, als das Genre "Kritik der Kritik" im öffentlichen Diskurs nicht vorgesehen ist. Der Kritiker hat das letzte Wort, Punktum. Und das ist auch gut so, man stelle sich die Rattenschwänze (!) an Reden und Gegenreden, an Gegendarstellungen und Plädoyers vor, da würden wir uns ja heute noch über Patrice Chéreaus Jahrhundert-"Ring" von 1976 die Köpfe einschlagen! Kritik hat, wenn sie gut ist, mit Leidenschaft zu tun. Mit Hartnäckigkeit. Genauigkeit. Mit einer Lust am Denken und Weiterdenken.

Was "Lohengrin" betrifft, so habe ich nicht alles gelesen, da wird man ja verrückt. Andererseits ist noch nicht alles erschienen, die "Zeit" am Donnerstag steht natürlich aus, und die "FAS" (die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) bereitet bestimmt wieder einen ihrer Lumpensammlerartikel vor, in dem dann noch einmal steht, was alle anderen schon eine Woche zuvor geschrieben haben (inklusive der "FAZ" selbst), Bayreuth, Salzburg, Pipapo - nur kleiner und wichtiger.

Zu den anderen muss ich leider sagen: Das Niveau der Aufführung erreicht kaum jemand. Ein mittelmäßiger Jahrgang, ohne größere Ausreißer nach oben oder unten, ohne rechte Funken. Schade. Die einen sind etwas umständlicher, die anderen etwas schnoddriger, die einen fühlen sich in Zeiten des Bildungsverfalls mehr zur Inhaltsangabe bemüßigt, die anderen kleben mehr am Beschreiben. Hans Neuenfels' und Reinhard von der Thannens Regiekonzept wird generell gut verstanden und gefällt auch fast durchwegs. "Lohengrin" im Labor: Der "Kölner Stadtanzeiger" lobt die "radikale Verinnerlichung" der Aufführung abseits alles Deutschen und/oder Deutschkritischen; die "Welt" wählt, als habe sie sich mit der "SZ" abgesprochen, den Einstieg über Schwäne, Kröten, Raben, Pferde, Widder, Lindwürmer bei Wagner und also über dessen mythisches "Bestiarium", in das die Neuenfelsisch-von-der-Thannenschen Ratten sich ebenso sinnreich wie rätselhaft fügten; nur der "Nordbayerische Kurier" (mit Abstand der längste Text) mäkelt ein bisschen herum, unterstellt der Regie "gewollte Über-Originalität" und allzu verklausulierte Chiffren und sieht in dem gerupften Schwan, der zum ersten Finale aus dem Schnürboden herabschwebt, eine "selbstironische Hommage" an die Brathähnchen aus Neuenfels' legendärer Frankfurter "Aida"-Inszenierung von 1981. Ich fürchte, das geht im rezensentischen Übereifer dann doch zu weit.

Die "FAZ" wiederum punktet mit der kryptischsten Überschrift: "Schwarze Schwanenkönigin, wohin führst du uns?". Tja, wohin. Weder steht diese Frage so im Text, noch taucht Elsa, die im Bild darüber zu sehen ist (ganz in weiß), jemals im schwarzen Schwanenkleid auf. Das wäre eher Ortrud, die Böse, die es bekanntlich auf den Thron von Brabant treibt, weswegen sich die Frage erübrigt. Zum Trost gelingt der "FAZ" die trefflichste Beobachtung von allen, wenn es heißt, die Inszenierung arbeite mit "suggestiven, anspielungsreichen Bildern, die unter die Haut gehen, noch bevor man sie ganz entschlüsselt hat, die lange im Gedächtnis haften und weiterarbeiten".

Über Andris Nelsons Graben-Einstand gehen die Meinungen minimal stärker auseinander. Der Wiener "Kurier" befindet, dieses Debüt sei fünf oder sechs Jahre zu früh erfolgt, die "Welt" spricht von einer "unterkühlten orchestralen Interpretation", und die "FAZ" diagnostiziert "Koordinationsprobleme". Der "Kölner Stadtanzeiger" hingegen macht in Nelsons den "wirklichen Star" des Abends aus und rühmt seine "Momente himmlischer Erfüllung", und auch die "SZ" schwärmt von der Leichtigkeit des Tons und von der Feinheit der "Orchesterpolyphonie", die der Lette erklingen lässt. Dieses Dirigat, so schließt der Absatz, gehöre "zum Bayreuth-Besten der letzten Jahre, neben Christian Thielemanns "Meistersingern" und dem "Parsifal" von Pierre Boulez." Das mit Thielemann ist natürlich eine Spitze: Alle Welt kniet vor dem Thielemann-"Ring" (der gerade in sein letztes Jahr geht) - und der Kollege versteift sich zum wiederholten Mal auf die ollen "Meistersinger". Auch Kritiker haben ihre Schlagseiten und Obsessionen.

Erstaunlich übrigens, dass Nelsons "Lohengrin" dynamisch eher am unteren Ende der Skala angesiedelt wird. Er könne es durchaus mehr krachen lassen, schließlich handle es sich um ein lautes und nicht wirklich Graben kompatibles Stück, so der aufmunternde Tenor. Mehr "orchestrale Opulenz" fordert nicht nur der "Nordbayerische Kurier". Aufmunternd? Sechs Wochen lang wird daran gefeilt, um Gotteshimmelswillen nur ja nicht zu laut zu sein, zu undifferenziert und massiv im Klang, ein ganzes Haus spitzt kritisch seine Ohren - und dann das? Vielleicht ist der 31-Jährige auch einfach nur ein bisschen vorsichtig. Im zweiten Akt, unten im Graben, war's schon ziemlich laut. Das walte Hugo.

Ebenso erstaunlich, wie wenig die Kollegen sich von den Bravostürmen platt machen ließen, die erwartungsgemäß auf Jonas Kaufmann herunterprasselten. Sein Bayreuther Lohengrin, so die "Welt", entbehre jeden "Tenorstrahls" und ringe um die Musik "wie um emotionales Manna"; Kaufmann fasse Wagner allzu "belcantistisch" auf, moniert die "FAZ", durch seine "italienische Träne" gleite so manche Stelle ins Sentimentale ab; und die "SZ" verzeichnet bei dem Münchner stimmlich "eine große Künstelei". Als eine der wenigen versteht sie, dass Jonas Kaufmann in Neuenfels' Inszenierung niemand anderen als Jonas Kaufmann darstellt, eine der derzeit begehrtesten Projektionsflächen im ganzen Klassikgewerbe, den Star als Tröster und Heilsbringer: "Doch das alles ist nicht Natur, sondern Mache, die in erster Linie die Bedürfnisse des Sängermarkts wunderbar bedient." So oder so ähnlich steht das auch im Programmheft.

Und damit Schluss. Wobei ... Gestern Nacht bekam ich eine SMS von Andris Nelsons, die mir aus dem Herzen sprach: Am Ende der Proben habe er das Gefühl gehabt, es müsste ewig so weitergehen mit der Arbeit und der Musik und den Gesprächen. Vielleicht tut es das ja, habe ich zurück geschrieben, in allen, die dabei gewesen sind, in uns allen. Und nächsten Sommer gibt es ein neues "Lohengrin"-Spiel.

Ich für meinen Teil werde jetzt eine kleine Dankeschön-Runde durchs Festspielhaus drehen. Und die nächsten sechs Wochen nur Bach hören. Und die Wahrheit über die Bayreuther Festspiele werden Sie aus meinem Mund natürlich nie erfahren.

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