Wagner-Werkstatt (4) : Der Chor ist da!

Das gab's noch nie: Eine Journalistin, die in Wagners Allerheiligstes vorgelassen wird und dort die nächsten sechs Wochen zubringen darf. Diesmal wartet Christine Lemke-Matwey vor dem Kaffeeautomaten und zählt rückwärts.

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Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-MatweyFoto: Jörg Schulze

Der Chor ist da! Das Orchester ist da! Hallihallo, how are you? Auch die Kinderoper („Der fliegende Holländer“) hat angefangen zu probieren, und die anderen Teams („Ring“, „Parsifal“, „Meistersinger“) sind ebenfalls mit Mann und Maus vor Ort. Das hat Folgen. Zwölf Minuten in der Caféautomatenschlange, 13 vor der Damen-Toilette, keine Seltenheit! Man muss sein Selbstverständnis revidieren: von klösterlich auf klaustrophobisch, von exklusiv auf extrem. Extrem voll. Extrem viel. Wer will, kann sich auf dem Grünen Hügel derzeit an die 50 Stunden Wagner täglich reinziehen. Gesund ist das bestimmt nicht.

Selbst der Probenplan füllt mittlerweile, extrem klein bedruckt, Vorder- und Rückseite eines DinA4 Blatts. Immer ab nachmittags liegt er an den beiden Pforten bereit, und wenn man lieb fragt, kriegt man auch einen ausgehändigt. Außerdem kann man sich den Plan natürlich auf der Homepage herunterladen, Benutzername und Passwort allerdings sind, psst, streng geheim. Sonst brächen in der Wagner-Republik ja gleich wieder Debatten los, wieso wird „Siegfried“ vor dem „Rheingold“ geübt, oder wie kommt es, dass sich unter den „Lohengrin“-Choristen „unstudierte“ Damen und Herren befinden, und braucht Johan Botha, der neue Siegmund, tatsächlich nur so wenige Korrepetitionsstunden? Botha stammt aus Südafrika. Vor Jahren hat er schon einmal in Bayreuth gesungen – im Chor.

Die Probenpläne laufen hier übrigens rückwärts, von 41 bis 1, heute, am 24.6., haben wir Nummer 31. Die Vergänglichkeit, hier hat sie System. Demnach fällt Plan Nummer eins auf den 24. Juli. Am 25. werden die 99. Richard-Wagner-Festspiele mit „Lohengrin“ eröffnet. Der Tag der Entscheidung, der Tag Null. Spätestens jetzt gibt es kein Zurück mehr, schon walzt Frau Merkel draußen über den roten Teppich. Ob die Pläne für die Festspiel-Vorstellungen dann numerisch ins Minus rutschen, von minus 1 fürs erste „Rheingold“ bis minus 29 für die letzten „Meistersinger“ – oder ob sie wieder neu von vorne rückwärts laufen? Ach, der Grüne Hügel ist ein logistisches Wunderwerk. Seit 1876. Die vielen Menschen! Die vielen Zahlen! So viele Noten!!

Diese Logistik aber befindet sich in akuter Gefahr. Das Festspielhaus nämlich, so meldete der „Nordbayerische Kurier“ schon zu Probenbeginn, platzt „aus allen Nähten“. Das ist in der Tat kaum zu übersehen. Wie ein Festungswall umstellen riesige Dekorationsteile aus den einzelnen Inszenierungen das Gelände, hier die Pappmachefelsen der Rheintöchter, dort die Dichter-und-Denker-Köpfe aus den „Meistersingern“, da Teile des „Parsifal“-Lazaretts, alles notdürftig mit Plastikplanen gegen das raue fränkische Klima geschützt. Ein Skandal? Ein Skandal! Längst sollte es eine neue multifunktionale Probebühne geben, das würde die Lage entspannen, der Bauantrag aber ging bei der Stadt verschütt’, zudem streitet man sich über die Dimension des Ganzen: größer und teurer (was die „Gesellschaft der Freunde“, der Mäzenatenverein der Festspiele, bevorzugt) oder billiger und kleiner (was der Festspielleitung lieber wäre)? Es sieht so aus, als würde sich die Sache mindestens bis 2012 hinziehen. Fakt ist, sagt Karl-Heinz Matitschka, der Technische Direktor, dass die modernen Bühnenbilder immer komplexer werden, immer opulenter und vor allem: immer höher. Der „Tannhäuser“ im nächsten Jahr soll sogar zweistöckig konzipiert sein, o Graus! Und da die Bayreuther Festspiele kein Tourneeunternehmen sind, die in ihren Werkstätten alles so herstellen, dass es sich umstandslos auf Legosteingröße zerlegen und sauber stapeln lässt, haben sie ein ernst zu nehmendes Problem.

Entweder der Hügel setzt sich wie Jung-Siegfried in der „Götterdämmerung“ eine Tarnkappe auf – oder aber die Kunst besinnt sich. Auf den leeren Raum. Aufs arme Theater (ausgerechnet!). Aufs Wenige und Wesentliche. Auf jene ruhmreichen Zeiten Neu-Bayreuths Anfang der 50er Jahre etwa, da Wieland Wagner eine Scheibe auf der Bühne reichte, um den Dramen seines Großvaters Blut und Leben einzuhauchen. So einfach zurückdrehen lässt sich die Ästhetik natürlich nicht. Auch muss, was heute als ruhmreich gilt, damals keineswegs als so ruhmreich erlebt worden sein. Reinhard von der Thannens „Lohengrin“-Bühnenbild allerdings verspricht eine gewisse Nacktheit und Ausgekühltheit. Das könnte ein Anfang sein. Platz für 130 Choristen jedenfalls bietet es genug. 130 Choristen in, vorsichtig ausgedrückt, sehr speziellen Kostümen. Vor einem Jahr, als die Entwürfe vorgestellt wurden, bekam von der Thannen eine Liste überreicht, DinA4, Vorder- und Rückseite extrem klein bedruckt. Absender: die Chorvorstände. Überschrift: Wir warnen!! Inhalt: Was in und mit diesen Kostümen singenderweise ans Sittenwidrige grenzt. Das meiste davon, sagt von der Thannen und wippt sibyllinisch mit dem Fuß, habe sich regeln lassen.

„Lohengrin“ ist eine Choroper, sagte ich das bereits?

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