Wagner-Werkstatt (7) : Nie sollst du mich befragen

Das gab's noch nie: Eine Journalistin, die in Wagners Allerheiligstes vorgelassen wird und dort die nächsten sechs Wochen zubringen darf. Diesmal trifft sie Jonas Kaufmann, Tenor und Star des neuen Bayreuther "Lohengrin".

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Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-MatweyFoto: Jörg Schulze

Um Punkt 12.41 Uhr ist es so weit. Eine Silhouette zeichnet sich in der schmalen Tür zur Probebühne VI ab, Lockenkopf, sportliche Figur. Nervosität macht sich breit. Auch Eva Wagner-Pasquier ist da, die Mutter Striese der Produktion (dazu muss man sagen, dass die Festspielleiterinnen sich die sieben Aufführungen dieses Sommers in der Betreuung aufteilen, Katharina Wagner hat vorrangig mit ihrer eigenen „Meistersinger“-Inszenierung zu tun, EWP mit dem „Lohengrin“). Nicht dass sie nicht öfter mal vorbeischaute oder sich nach dem Wohlbefinden ihrer Künstler erkundigte. Diesmal aber hat sie einen besonderen Auftrag. „Meine Damen und Herren“, ruft sie in die Halle, „auch wenn es nicht nötig ist: Ich darf Ihnen hiermit Jonas Kaufmann vorstellen, unseren Lohengrin!“ Das ist ungefähr so, als würde man der englischen Fußballnationalmannschaft erzählen, wer David Beckham ist. Oder die Deutschen an Ballack erinnern.

Kaufmann ist Tenor und ein Star, der Star des neuen Bayreuther „Lohengrin“. Mit der Partie hat er im vergangenen Sommer in München debütiert, das Ganze gibt’s längst auf DVD, und auch jetzt ist er direkt aus München angereist. Am Vorabend hat er dort zur Eröffnung der Opernfestspiele „Tosca“ gesungen, den Cavaradossi. Und nun steht er hier, die Wagner-Noten unterm Arm und ein bisschen blass um die Nase. Starsein ist anstrengend. „Danke für die Geduld!“, ruft er seinerseits in die Runde und tippt sich mit dem Finger an den Kopf – „jetzt kommt hier der andere Chip rein!“ Wagner gegen Puccini, das meint er damit, Lohengrin gegen Cavaradossi. Der eine ist Gralsritter und soll die Welt retten, der andere ist Kunstmaler und stolpert ins Räderwerk politischer Intrigen. Unterschiedlicher geht’s nicht. Überhaupt kommt man mit der guten alten Belcanto-Technik bei Wagner nicht sonderlich weit.

Oder doch? Oder gerade? An Kaufmanns Münchner „Lohengrin“ wurde seinerzeit vor allem sein lyrischer Ton gefeiert. Wagner wie Schubert, und endlich würde die Partie mal nicht gebrüllt! In Richard Jones' Inszenierung trug Kaufmann eine Zimmermanns-Montur, schwarze Cordhose und –weste, was ihn famos kleidete. Das szenische Konzept bestand aus einem Hausbau, das heißt, Elsa und Lohengrin mörtelten, spachtelten und mauerten die meiste Zeit nach allen Regeln der Handwerkskunst an ihrer Utopie eines besseren, heileren Lebens herum. Das wird in Bayreuth nun definitiv anders sein. Startenöre – wie Sänger überhaupt – werden nicht groß gefragt, ob sie mit dieser oder jener Regie-Tat einverstanden sind. Sie müssen’s erst einmal machen. Und das muss man erst einmal können.

Die neue Münchner „Tosca“ war sogar dem „Nordbayerischen Kurier“ (der ansonsten nicht durch überregionale Berichterstattung besticht) eine Kritik wert. Die Inszenierung sei so düster wie lahm, stand da zu lesen, und man wolle sich gar nicht vorstellen, was ohne Kaufmann gewesen wäre: „Sein Cavaradossi kommt voller Leidenschaft daher, einzig er glüht vor Liebe. Sein geschmeidiger Tenor überstrahlt die Mattheit des Premierenabends, ihm gelingt alles, vor allem die leisen Töne sind ein Genuss zu hören.“ Das lässt sich sicher noch eloquenter formulieren, trotzdem ist es für Jonas Kaufmann ein schönes Bayreuther Eintrittsbillett. Wie er so seine ersten Probenschritte tut, wie er ein erstes „Nie sollst du mich befragen“ singt, nein, erst markiert und dann singt, richtig singt, aussingt, mit Kraft, als gäbe es keinen Cavaradossi und keinen Ritt über die A9 von München nach Bayreuth und keine Chips im Kopf – das hat plötzlich etwas unvergleichlich Lohengrinöses, als wäre Kaufmann selbst vom Himmel gefallen. Bei Annette Daschs Elsa ist übrigens etwas Ähnliches zu beobachten gewesen. Während ihrer ersten Probentage hatte sie mit einem schlimmen Infekt zu kämpfen. Bei wem sie sich angesteckt hat? Bei ihrem Bruder! Und was sind Elsas erste Worte im Stück? „Mein armer Bruder!“ Da soll doch noch mal einer sagen, Wagner verhexe seine Interpreten nicht.

An Jonas Kaufmanns zweitem Tag werde ich gebeten, den Proben fern zu bleiben. Es mache sich nicht so gut, sagt Hans Neuenfels, wenn während intimer Szenen zu viele fremde Augen zuguckten. Auf dem Probenplan steht III,2 – das zweite Bild des dritten Aktes, das Brautgemach. Intimer geht es nicht. Selbstverständlich bin ich einverstanden.

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