Kultur : Wagners Held

SYBILL MAHLKE

Philharmonische Öffentlichkeit kann bewirken, daß sich der Wissenschaft neue Publikumskreise erschließen.So hat sich eine Art von intellektuell einfühlsamem Wapnewski-Fan-Club gebildet, der am Sonntag vormittag in die Philharmonie oder deren Kammermusiksaal strömt, um sich eingehender über die Themen informieren zu lassen, die Claudio Abbados literarisch geprägte Zyklen später musikalisch ausbreiten werden.In diesem Fall lag nichts näher, als den Tristan-Zyklus des Berliner Philharmonischen Orchesters mit einem Festvortrag von Peter Wapnewski zu eröffnen, der den Titel "Tristan und Isolt oder Die endliche und die unendliche Liebe" trägt.Auf geduldigem Papier liegt die vollständige Fassung der gekürzt gehaltenen Rede wiederum als Sonderdruck (2 DM) vor.

Da sich der renommierte Germanist dem Werk Richard Wagners seit Jahren als ein Liebender mit dem Blick seines Fachgebiets annähert, sind dem Leser manche seiner Ausführungen schon begegnet, zum Beispiel in dem Buch "Tristan der Held Richard Wagners".Dennoch läßt Wapnewski sein Auditorium an einem Prozeß teilnehmen, der als erneuerungsfähiges Denkabenteuer bezeichnet werden könnte.Das macht die Sache lebendig.So traut er seinen Zuhörern das Mittelhochdeutsch Gottfrieds von Straßburg durchaus zu, wenn er beginnt: "ein man - ein wîp, ein wîp - ein man: Tristan - Isolt, Isolt - Tristan", um ein Bild von der Umarmung der Namen zu entwerfen.Die Erhellung der Quellen geht über Dante zurück zu Gottfried: "Swem nie von liebe leit geschach, dem geschach ouch liep von liebe nie." Kein Wort des Tadels findet der Dichter für Betrug und Täuschung seiner beiden Helden.Im höfischen Roman des Mittelalters sei Tristan ein Fremder - und mit ihm Isolt.Während die Welt der Artushelden als eine des Gelingens entworfen sei mit dem Glück der institutionalisierten Liebe als Ehe, sprenge die Totalität der Liebe des Herrlichsten mit der Schönsten das System.Und die Welt schlägt zurück.Wapnewski denkt zum Schluß der historischen Analyse darüber nach, warum Gottfrieds Dichtung Torso gelieben ist."Ein Ende, das Unendlichkeit verheißt"? Der Sprung muß dann zu Wagner führen, weil eines der größten Epen des Mittelalters eines der größten Musikkunstwerke der Neuzeit erzeugt hat."Die Begünstigten unter uns" werden jenen Akkord, der Musikgeschichte gemacht hat, am kommenden Sonntag von den Philharmonikern unter Abbado hören können.Liebestrank - Todestrank als entschuldendes Gift und daß König Marke trotz alledem nichts begriffen hat: das bleibt nachzulesen.

Die "Tristan"-nahen Fünf Lieder Wagners auf Gedichte von Mathilde Wesendonck singt Iris Vermillion mit einer erfüllten Reinheit der Darstellung, die mit Grenzen in der Höhe versöhnt, während der Pianist Markus Fohr der Klarheit seiner Begleitung ein feines espressivo zukommen läßt.

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