Wagners "Walküre" in Karlsruhe : Leise Schatten

Regisseur von Bayreuths Gnaden: Yuval Sharon inszeniert Wagners „Walküre“ in Karlsruhe. Naive Bilderflut und subtile Psychologie - Sharon kann beides.

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Renatus Meszar (Wotan) und das Walküren-Ensemble
Renatus Meszar (Wotan) und das Walküren-EnsembleFoto: Falk von Traubenberg

Die Ankündigung der Bayreuther Festspiele, dass der amerikanische Regisseur Yuval Sharon 2018 den neuen „Lohengrin“ anstelle von Alvis Hermanis inszeniert, lenkt die Aufmerksamkeit auf den „Ring des Nibelungen“ des Staatstheaters Karlsruhe. Hier hat Sharon gerade „Die Walküre“ inszeniert. Im Gegensatz zur Bayreuther Tradition wird die Tetralogie von vier Regisseuren gestemmt. Nach dem „Rheingold“ von David Hermann ist nun Sharon an der Reihe, der vor drei Jahren mit seiner Inszenierung von John Adams’ „Dr. Atomic“ in Karlsruhe für Furore sorgte und mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet wurde. Im Fokus stehen bei ihm die Traumata von Siegmund und Sieglinde, dem Zwillingspaar, das Wotan mit einer Menschenfrau gezeugt hat. Die Geschwister wurden getrennt, die Mutter ist tot, Sieglinde zwangsverheiratet, Siegmund vom Vater verlassen.

Hundings Haus, in dem seine Ehefrau Sieglinde freudlos lebt, ist ein endloser Flur mit schmucklosen Türen. Wie von Geisterhand öffnen sie sich und erscheinen als Fenster zur Vergangenheit. Das Kind Siegmund taucht als Projektion auf; Wotan schlendert mit seinem Speer über die Szenerie. Das ist manches Mal ein wenig naiv, aber viele von Jason H. Thompsons Videoprojektionen wie die erblühenden Bäume bei „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ treffen die musikalische Atmosphäre genau. Und wenn der Regisseur nach Hundings Aufforderung, den Schlaftrunk zuzubereiten, drei Musiker in den Türen platziert und so die Melodielinien von Klarinette, Englischhorn und Oboe sichtbar macht, umarmen sich Musik und Szene. Es gibt Schatten, die wie Albträume erscheinen oder auch die Handlung vorwegnehmen: Die Schattenbilder von Sieglinde und Siegmund bewegen sich aufeinander zu, während die Körper noch verharren.

Sharon lässt der Musik den Raum, den sie braucht

Nach einiger Anlaufzeit entfaltet Peter Wedds Siegmund mehr und mehr Leuchtkraft, besonders in den lyrischen Linien. Auch Katherine Broderick berührt als Sieglinde mit feinen klangfarblichen Abstufungen. Da ist Avtandil Kaspelis Hunding aus anderem Holz geschnitzt. Ein mächtiger, schwarzer Bass, der ein wenig schmeichelhaftes Porträt des dominanten Ehemannes zeichnet. Wotan ist in der Interpretation von Renatus Meszar lyrischer angelegt. Im zweiten Aufzug steht er auf einer Rolltreppe und lässt sich von seiner Gattin Fricka (großartig mit dunkler Tiefe: Ewa Wolak) die Leviten lesen. Meszar kann Wotans weiche Seite zeigen, wenn er Lieblingstochter Brünnhilde im Eis-Sarkophag einfrieren muss.

Heidi Meltons Brünnhilde entwickelt sich vom tapsigen Mädchen zur selbstbewussten Frau. Nach den räumlich stark begrenzten ersten beiden Aufzügen öffnet sich im dritten die Bühne zu einer weiten Eislandschaft, in der der Walkürenritt als Fallschirmvideo durchaus Komik entfaltet, ehe Brünnhildes nicht nur stimmlich attraktive Schwestern im Schneeanzug die weißen Bretter betreten. Auch wenn der rieselnde Schnee und der tiefblaue Hintergrund die Grenze zum Kitsch streift – Sharon lässt der Musik den Raum, die sie braucht. Und zeigt gerade in der vielschichtigen Vater-Tochter-Beziehung zwischen Wotan und Brünnhilde subtile Personenregie.

Die musikalische Leitung des Karlsruher „Rings“ liegt bei Generalmusikdirektor Justin Brown. Wenn zu Beginn Siegmunds Flucht klanglich dargestellt wird, ist das Tremolo in den hohen Streichern rau, die schnellen Viertel der Bässe klingen gehetzt. Brown gelingt ein bildhafter Einstieg in einen Abend, der Musik und Szene eng zusammenführt. Natürlich entfesselt Brown zu Beginn des zweiten Aufzugs oder im Walkürenritt die Orchesterkräfte und bedient das Pathos, doch nimmt er ebenso den Kammerspielcharakter, den die „Walküre“ über weite Strecken besitzt, sehr ernst. Und lässt so leise und intim spielen, wie man Wagner selten hört.

Weitere Vorstellungen: 6.1., 4.3., 15.4., Infos: www.staatstheater.karlsruhe.de

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