Kultur : Wagners Weltraum

Nach 130 Jahren wiederentdeckt: Bayreuth zeigt die Urszenerien des „Rings“

Peter von Becker

Diese Ausstellung ist als unverhoffte Wiederentdeckung eine kleine kulturhistorische Sensation. Denn erstmals seit 1876, als das Bayreuther Festspielhaus mit der Premiere der gesamten „Ring“-Tetralogie Richard Wagners eröffnet wurde, sind die verschollen geglaubten Entwürfe zu den Urbühnenbildern von „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ zu sehen.

Es geht um 14 farbige Ölskizzen im Format von ungefähr 20 mal 30 Zentimetern sowie um fünf kolorierte Vergrößerungen des Wiener Landschafts- und Bühnenmalers Josef Hoffmann (1831–1904), die dieser im Auftrag Richard Wagners 1873/74 gefertigt hatte. Völlig neu war, dass Hoffmann dabei nicht nur im Stil von Mythen- und Historiengemälden die Kulissen der einzelnen Akte entwarf, sondern die Schlüsselszenen mit den handelnden Personen völlig durchkomponierte: mit Lichtwechseln, Gewittern, Regenbogen und Visionen am Horizont.

Wagner will in Bayreuth die Vollendung des Musiktheaters als Gesamtkunstwerk. Also verbindet Hoffmann, der zuvor in Wien bereits Mozarts „Zauberflöte“ ausgestattet hatte, die ins Romantische gesteigerte heroische Landschaftsmalerei mit der dramatischen „Scenerie“. Weil der Wiener Maler allerdings über keine entsprechende Werkstatt und nicht die technische Erfahrung verfügt, seine Entwürfe praktisch umzusetzen, engagiert Wagner die Coburger Brüder Brückner als Bühnenbauer.

Obwohl die Brückners ihre Szenarien durchaus an Hoffmanns Vorbildern orientierten, entsprach der erste Bayreuther „Ring“ vor 130 Jahren nicht Wagners eigenen Ansprüchen. Die Festspiel-Technik war noch zu provinziell, und vor der Erfindung der Elektrizität konnten beispielsweise beim „Rheingold“ die geplanten Projektionen mit Laterna-Magica-Effekten hinter Gazeschleiern nicht verwirklicht werden. Statt für Wagner „phantastisch“ zu wirken, geriet die Dekoration ins Naturalistische – worauf Gattin Cosima notierte: „Richard ist sehr traurig, sagt, er möchte sterben.“

Bis zu Wagners Tod in Venedig hat es dann noch ein paar Jahre Zeit. Aber die jetzt im vorwagnerianischen, wunderbar barocken Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth gezeigte Ausstellung „Der Ring des Nibelungen – Die Szene als Modell“, die der Bayreuther Aufführungsgeschichte bis zum Jahr 2000 gewidmet ist, sie beweist: An Josef Hoffmann hat die erste Enttäuschung auf dem Grünen Hügel wohl nicht gelegen.

Trotzdem konnte sich die Nachwelt über Hoffmanns bildnerische Erzählungen keine genauere Vorstellung machen. Bisher existierten nur halb vergilbte Schwarzweißfotos, die Hoffmann von seinen Entwürfen 1876 selbst anfertigen ließ und die heute in der Dauerausstellung in Wagners Haus Wahnfried zu sehen sind. Wohl hatte Oswald Georg Bauer, früherer Pressesprecher der Festspiele, die fünf vergrößerten Eigenkopien Hoffmanns auf einen privaten Tipp hin im Besitz der Wormser Adelsfamilie von Heyl entdeckt. Die Heyls waren als frühe Wagnerianer 1876 in Bayreuth zugegen und zudem an ihrem Stammsitz in der Nibelungenstadt Worms als Sammler und Mäzene tätig. Doch dauerte es Jahre, bis das Wagner-Museum die Bilder ankaufen und gründlich restaurieren konnte.

Der Clou und Coup kam freilich erst Ende letzten Jahres: Da tauchten bei einer Münchner Auktion die 14 kleineren, originalen Ölskizzen auf, mit denen Hoffmann den „Ring“-Komponisten 1873/74 überzeugt hatte. Im Katalog der Ausstellung erklärt Bauer nur: „Über ihre Provenienz ist bisher nichts bekannt.“ Womöglich stammten sie aus der Sammlung des Wagnerfans Ludwig II., deren Verkauf nach Ludwigs Tod 1886 zur Tilgung der märchenkönigshaften Schulden diente.

Im Gegensatz zu den gröberen, sehr plakativ ausgeführten Vergrößerungen zeigen die Urentwürfe in ihrem kleinen Liebhaberformat das eigentliche Talent des dramatischen Landschaftsmalers. Hoffmann kolorierte in Öl auf Papier nicht einfach nur Stimmungen (oder Erwartungen), er versuchte im Rahmen seiner Zeit auch eine bildnerische Antwort auf Wagners Götter- und Heldenepos. Die „Scenerie“ sollte tatsächlich zum Wagner’schen „Weltraum“ werden.

Was hernach kam, zeigt der Fortgang der Ausstellung vom Foyer bis hinter den Eisernen Vorhang, wo Sven Friedrich, der agile Direktor des Bayreuther Wagner-Museums, einen „Ring“-Parcours durch die Zeiten abgelegt hat: mit zum Teil erstmals ausgestellten Bühnenbildmodellen, Requisiten und Videoprojektionen vor historischem Hintergrund. So folgt man dem Weg von der spätromantischen Gründerzeitheroik über das Nazi-Pathos bis zur abstrahierenden Nachkriegsernüchterung bei Wieland Wagner und später zum Jubiläums-„Ring“ 1976 von Patrice Chéreau und seinem kongenialen Bühnenbildner Richard Peduzzi. Die letzten 30 Jahre, mit den „Ring“-Kämpfen von Peter Hall, Harry Kupfer, Alfred Kirchner (und Rosalie) sowie von Tankred Dorsts Vorgänger Jürgen Flimm, sie wirken dann nur noch wie Apercus. Auch wenn plötzlich Tschernobyl, die Loveparade oder die Wirtschaftsglobalisierung ihre Zeichen-Spuren auf Bayreuths Szene hinterlassen.

Bis 28. August im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth, täglich 9–18 Uhr. Katalog „Die Szene als Modell“ 20 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben